EMDR bei Angst und Depression: Hilft EMDR auch ohne PTBS?

EMDR wird vor allem mit der Behandlung von Traumafolgestörungen in Verbindung gebracht. Das ist nachvollziehbar: Eye Movement Desensitization and Reprocessing wurde ursprünglich zur Behandlung traumatischer Erinnerungen entwickelt, und die wissenschaftliche Evidenz ist insbesondere für die posttraumatische Belastungsstörung gut etabliert.
In meiner Praxis begegnet mir jedoch häufig eine andere Situation.
Menschen kommen nicht mit der Diagnose PTBS, sondern wegen Angst, Panik, Depression, Selbstwertproblemen oder wiederkehrenden belastenden Beziehungsmustern.
Und manchmal zeigt sich im Laufe der Anamnese:
Die gegenwärtigen Beschwerden haben eine Geschichte.
Eine Patientin bekommt beispielsweise starke Angst, sobald ihr Partner sich zurückzieht. Ein anderer Patient erlebt bei Kritik am Arbeitsplatz innerhalb von Sekunden massive Scham und das Gefühl, vollkommen wertlos zu sein. Wieder jemand entwickelt Panik in Situationen, in denen er sich ausgeliefert fühlt.
Nicht jede dieser Reaktionen ist eine Traumafolgestörung.
Und nicht jede Angst oder Depression ist durch ein Trauma verursacht.
Trotzdem können frühere belastende Erfahrungen bei manchen Menschen eine wichtige Rolle dabei spielen, warum bestimmte Reaktionen heute immer wieder auftreten.
Das führt zu einer interessanten Frage:
Kann EMDR auch bei Angst und Depression sinnvoll sein, wenn keine PTBS vorliegt?
Eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse liefert hierzu neue Daten. Die Antwort ist vielversprechend, aber differenzierter, als manche Darstellungen von EMDR vermuten lassen.
Was ist EMDR eigentlich?
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.
Es handelt sich nicht lediglich um eine Technik mit Augenbewegungen, sondern um ein strukturiertes psychotherapeutisches Behandlungsmodell.
Eine zentrale theoretische Grundlage bildet das Adaptive Information Processing Model (AIP). Vereinfacht geht dieses Modell davon aus, dass belastende Erfahrungen unter bestimmten Bedingungen so gespeichert werden können, dass Bestandteile der ursprünglichen Erfahrung später weiterhin aktiviert werden.
Dazu können gehören:
Bilder und Erinnerungen,
Gefühle,
negative Überzeugungen,
körperliche Empfindungen,
Handlungsimpulse.
Eine heutige Situation kann dann Aspekte dieses alten Erinnerungsnetzwerks aktivieren.
Das aktuelle EMDR-Toolbox-Paper beschreibt beispielsweise, dass gegenwärtige Ereignisse unzureichend verarbeitete Erinnerungen aktivieren können und dadurch emotionale, kognitive und körperliche Reaktionen der ursprünglichen Erfahrung erneut auftreten können.
Das ist für die Behandlung von Angst und Depression interessant.
Denn die Frage lautet dann nicht nur:
„Welche Symptome hat dieser Mensch?“
Sondern auch:
„Welche Erfahrungen könnten dazu beitragen, dass diese Symptome heute entstehen oder aufrechterhalten werden?“
Nicht jede Angst ist Trauma
Hier ist eine Abgrenzung wichtig.
Psychologische Begriffe wie Trauma oder Trigger werden heute im Alltag sehr breit verwendet.
Eine unangenehme Erfahrung ist aber nicht automatisch ein Trauma.
Und Angst bedeutet nicht automatisch, dass irgendwo eine traumatische Erinnerung verborgen sein muss.
Angststörungen können durch zahlreiche Faktoren entstehen und aufrechterhalten werden: Lernprozesse, Vermeidung, körperliche Sensitivität, Sorgenprozesse, genetische Vulnerabilität, Stress, soziale Faktoren und belastende Erfahrungen können miteinander interagieren.
Das Gleiche gilt für Depressionen.
Deshalb halte ich die Aussage
„Hinter jeder Angst oder Depression steckt ein Trauma“
für wissenschaftlich nicht haltbar.
Gleichzeitig wäre die umgekehrte Annahme ebenfalls zu einfach:
„Wenn keine PTBS vorliegt, spielen belastende Erfahrungen therapeutisch keine Rolle.“
Zwischen diesen beiden Extremen liegt die klinisch interessante Frage.
Wenn heutige Angst eine Geschichte hat
Stellen wir uns einen Menschen vor, der massive Angst vor Kritik entwickelt.
Sein Vorgesetzter schreibt:
„Können wir morgen kurz sprechen?“
Objektiv enthält diese Nachricht kaum Informationen.
Innerhalb weniger Sekunden passiert jedoch etwas:
Herzklopfen.
Anspannung.
Katastrophengedanken.
„Ich habe etwas falsch gemacht.“
„Ich werde meinen Job verlieren.“
„Ich bin unfähig.“
Der bewusste Verstand kann gleichzeitig wissen:
„Wahrscheinlich möchte er nur etwas besprechen.“
Trotzdem reagiert der Körper mit Gefahr.
In einer Therapie könnte man nun ausschließlich an den gegenwärtigen Gedanken und Verhaltensweisen arbeiten.
Das kann sehr sinnvoll sein.
Manchmal zeigt sich bei genauerer Anamnese jedoch zusätzlich, dass ähnliche Situationen bereits früher mit intensiver Angst verbunden waren.
Vielleicht gab es einen Vater, dessen Kritik regelmäßig in Demütigung eskalierte.
Eine Lehrerin, die Fehler vor der Klasse bloßstellte.
Mobbing.
Oder eine Beziehung, in der kleine Fehler mit Liebesentzug beantwortet wurden.
Dann kann eine gegenwärtige Situation ein Netzwerk früherer Erfahrungen aktivieren.
Nicht weil der Chef tatsächlich dem Vater entspricht.
Sondern weil etwas an der heutigen Situation für das Nervensystem ähnlich genug ist.
Was sagt die Forschung 2026 zu EMDR bei Angst und Depression?
Hier wird es besonders interessant.
Ajele, Ramonkga und Idemudia veröffentlichten 2026 im Journal of EMDR Practice and Research eine Meta-Analyse zu EMDR bei depressiven und Angstsymptomen.
Einbezogen wurden randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2.064 Teilnehmer:innen und 40 ausgewerteten Effektgrößen. Die Autor:innen untersuchten sowohl depressive als auch Angstsymptome.
In der Gesamtanalyse war EMDR gegenüber den jeweiligen Kontrollbedingungen mit einer deutlichen Reduktion von Angst- und Depressionssymptomen verbunden.
Zunächst klingt das beeindruckend.
Aber gerade bei solchen Ergebnissen lohnt sich ein genauerer Blick.
Ein großer Effekt bedeutet nicht automatisch, dass EMDR die beste Therapie ist
Über alle untersuchten Bedingungen hinweg berichtete die Meta-Analyse eine standardisierte mittlere Differenz von −1,10 zugunsten von EMDR.
Für Angstsymptome lag sie bei −1,19, für depressive Symptome bei −1,02. Der Unterschied zwischen Angst und Depression war statistisch nicht signifikant.
Diese Zahlen dürfen jedoch nicht isoliert interpretiert werden.
Die Studien unterschieden sich erheblich voneinander. Die statistische Heterogenität lag in der Gesamtanalyse bei I² = 88,8 %.
Vereinfacht bedeutet das:
Die Ergebnisse der einzelnen Studien waren sehr unterschiedlich.
Ein einzelner großer Gesamteffekt sollte deshalb nicht so gelesen werden, als würde EMDR bei jeder Form von Angst oder Depression einen vorhersehbar großen Effekt erzeugen.
Entscheidend ist: Womit wurde EMDR verglichen?
Das ist möglicherweise der wichtigste Befund der gesamten Meta-Analyse.
Wenn EMDR mit passiven Kontrollbedingungen verglichen wurde – beispielsweise Wartelisten oder Bedingungen ohne vergleichbar intensive aktive Psychotherapie –, zeigte sich ein relativ großer Unterschied:
SMD = −1,30.
Wurde EMDR dagegen mit einer aktiven psychologischen Behandlung verglichen, schrumpfte der Unterschied auf:
SMD = −0,59.
Und dieser Unterschied war statistisch unsicher; das 95%-Konfidenzintervall reichte von −1,24 bis 0,07.
Das ist wissenschaftlich wesentlich interessanter als die Schlagzeile:
„Studie beweist: EMDR hilft gegen Depression und Angst.“
So einfach ist es nicht.
Die Meta-Analyse spricht dafür, dass EMDR bei Angst- und Depressionssymptomen therapeutisch hilfreich sein kann.
Sie beweist jedoch nicht, dass EMDR etablierten Psychotherapieverfahren generell überlegen ist.
Die Autor:innen kommen selbst zu diesem vorsichtigen Schluss: Die hohe Heterogenität, mögliche Small-Study-Effekte, methodische Probleme einzelner Studien und kleinere Unterschiede gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen begrenzen die Sicherheit der Schlussfolgerungen.
Hilft EMDR bei Angststörungen?
Die Meta-Analyse fand insgesamt positive Ergebnisse für Angstsymptome.
Bei Erwachsenen zeigten sich deutlichere Reduktionen. Gleichzeitig waren auch hier die Unterschiede zwischen den Studien sehr groß.
Für die Praxis bedeutet das aus meiner Sicht nicht:
„Angststörung → EMDR.“
Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Prozesse die Angst aufrechterhalten.
Bei einer klassischen Phobie können beispielsweise Expositionsverfahren sehr wirksam sein.
Bei einer generalisierten Angststörung können Sorgenprozesse und der Umgang mit Unsicherheit im Vordergrund stehen.
Bei Panikstörungen können Angst vor körperlichen Empfindungen und katastrophale Fehlinterpretationen eine wichtige Rolle spielen.
Und bei manchen Menschen existieren zusätzlich konkrete belastende Erfahrungen, die gegenwärtige Ängste weiterhin emotional aufladen.
Dann kann EMDR als Teil einer umfassenderen Fallkonzeption interessant werden.
Beispiel: Panik nach einer belastenden Erfahrung
Ein Mensch erlebt zum ersten Mal eine schwere Panikattacke in der U-Bahn.
Herzrasen.
Schwindel.
Atemnot.
Das Gefühl:
„Ich werde sterben.“
Medizinisch passiert nichts Gefährliches.
Aber die Erfahrung selbst kann hochgradig belastend sein.
Wochen später steigt die Person wieder in eine U-Bahn.
Das Herz schlägt etwas schneller.
Sofort entsteht:
„Da ist es wieder.“
Die Angst steigt.
Das Herz schlägt schneller.
Die Angst steigt weiter.
Schließlich werden U-Bahnen vermieden.
Hier können mehrere therapeutische Ebenen relevant sein: die Interpretation körperlicher Empfindungen, Vermeidungsverhalten und Exposition – aber möglicherweise auch die inzwischen stark belastende Erinnerung an die erste Panikattacke.
EMDR könnte dann nicht einfach „die Panikstörung löschen“.
Es könnte jedoch Bestandteil einer Behandlung sein, wenn bestimmte Erinnerungen die gegenwärtige Angstreaktion weiterhin antreiben.
Und wie sieht es bei Depression aus?
Auch hier ist eine differenzierte Betrachtung notwendig.
Depressionen entstehen nicht aus einer einzigen Ursache.
Biologische Vulnerabilität, chronischer Stress, soziale Isolation, Verlusterfahrungen, Beziehungsmuster, Selbstwert, Verhalten und zahlreiche weitere Faktoren können beteiligt sein.
Bei manchen Menschen fällt jedoch auf, dass depressive Zustände stark mit bestimmten autobiografischen Erfahrungen verbunden sind.
Zum Beispiel:
„Ich bin wertlos.“
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich bin eine Belastung.“
„Niemand wird mich wirklich lieben.“
Solche Überzeugungen entstehen selten im luftleeren Raum.
Manchmal lassen sich Erinnerungen identifizieren, in denen genau dieses Selbstbild besonders stark geprägt wurde.
Mobbing.
Emotionale Vernachlässigung.
Wiederholte Kritik.
Zurückweisung.
Gewalt.
Verluste.
Beschämung.
Dann kann die therapeutische Frage lauten:
Welche Erfahrungen geben diesem heutigen Selbstbild noch immer seine emotionale Überzeugungskraft?
„Ich weiß, dass ich nicht wertlos bin – aber ich fühle es“
Dieser Satz beschreibt etwas, das ich in der Psychotherapie besonders interessant finde.
Ein Mensch kann auf rationaler Ebene sehr differenziert denken.
Er weiß:
„Natürlich bin ich nicht wertlos.“
„Meine Freunde mögen mich.“
„Ich bin beruflich erfolgreich.“
„Meine Partnerin liebt mich.“
Und trotzdem reicht ein kleiner Fehler, eine Zurückweisung oder Kritik, damit plötzlich etwas völlig anderes erlebt wird:
„Ich bin nichts wert.“
Die therapeutische Aufgabe besteht dann nicht zwingend darin, noch mehr rationale Argumente gegen diesen Gedanken zu sammeln.
Davon besitzt der Mensch möglicherweise bereits genug.
Interessanter kann die Frage sein:
Warum fühlt sich diese Überzeugung trotz besseren Wissens noch so wahr an?
Genau an dieser Schnittstelle zwischen autobiografischer Erinnerung, gegenwärtigem Trigger, Emotion, Körperreaktion und Selbstbild wird EMDR theoretisch interessant.
Muss dafür ein „großes Trauma“ passiert sein?
Nein.
Das AIP-Modell beschränkt dysfunktional gespeicherte Erfahrungen nicht ausschließlich auf Ereignisse, die das klassische Traumakriterium einer PTBS erfüllen.
Das aktuelle EMDR-Toolbox-Paper beschreibt ausdrücklich auch belastende Beziehungserfahrungen wie emotionale Vernachlässigung, chronische Invalidierung oder frühe Bindungsstörungen, die zwar nicht zwingend lebensbedrohlich waren, aber mit komplexen psychischen Problemen verbunden sein können.
Das bedeutet jedoch nicht, dass wir jede schmerzhafte Kindheitserfahrung rückwirkend als „Trauma“ bezeichnen müssen.
Ich halte diese sprachliche Präzision für wichtig.
Manche Erfahrungen waren traumatisch.
Andere waren chronisch belastend.
Andere waren beschämend.
Andere waren Verluste.
Und manche waren schlicht schmerzhaft.
Psychotherapie braucht nicht für jede Verletzung das Wort Trauma, damit sie ernst genommen werden darf.
Warum ich nicht automatisch nach einem verborgenen Trauma suche
Es kann problematisch werden, wenn therapeutische Modelle zu universellen Erklärungen werden.
Wenn jemand mit Depression in Therapie kommt, sollte nicht automatisch angenommen werden:
„Wir müssen das Trauma dahinter finden.“
Vielleicht gibt es keines.
Vielleicht stehen ganz andere Mechanismen im Vordergrund.
Genauso wenig würde ich bei jeder Angststörung automatisch EMDR einsetzen.
Eine gute Therapie beginnt deshalb für mich nicht mit der Methode.
Sie beginnt mit Diagnostik und Fallkonzeption.
Was ist das Problem?
Wann tritt es auf?
Was löst es aus?
Was hält es aufrecht?
Welche biografischen Erfahrungen sind relevant?
Welche Ressourcen bestehen?
Und welche Behandlung passt zu diesem konkreten Menschen?
Erst danach stellt sich die Frage, welche Methode sinnvoll ist.
EMDR oder Verhaltenstherapie?
Auch diese Gegenüberstellung ist häufig irreführend.
EMDR und Verhaltenstherapie müssen keine konkurrierenden Welten sein.
Gerade bei komplexeren psychischen Problemen können verschiedene therapeutische Perspektiven sinnvoll miteinander verbunden werden.
Bei einer Angststörung können beispielsweise Exposition, Arbeit mit Sicherheitsverhalten und kognitive Interventionen entscheidend sein.
Gleichzeitig können einzelne biografische Erinnerungen mit EMDR bearbeitet werden.
Bei einer Depression können Aktivitätsaufbau, Beziehungsgestaltung, Arbeit mit Grübeln und Selbstwert wichtig sein.
Wenn bestimmte belastende Erinnerungen ein negatives Selbstbild immer wieder reaktivieren, kann zusätzlich traumafokussiertes Arbeiten sinnvoll sein.
Die aktuelle Meta-Analyse spricht gerade nicht dafür, etablierte psychotherapeutische Verfahren durch EMDR zu ersetzen. Gegenüber aktiven psychologischen Vergleichsbehandlungen war ein möglicher Vorteil von EMDR wesentlich kleiner und statistisch unsicher.
Für mich ist das kein Argument gegen EMDR.
Es ist ein Argument gegen therapeutischen Dogmatismus.
Wie entscheide ich, ob EMDR sinnvoll sein könnte?
Ein Hinweis kann sein, wenn gegenwärtige Situationen immer wieder eine sehr spezifische, intensive Reaktion auslösen und sich biografisch relevante Erfahrungen identifizieren lassen.
Beispielsweise:
Heute: Kritik löst massive Scham aus.Früher: wiederholte Demütigung.
Heute: Trennung löst existenzielle Panik aus.Früher: frühe Verluste oder unvorhersehbares Verlassenwerden.
Heute: Konflikte führen unmittelbar zu Erstarren.Früher: Konflikte waren mit Gewalt verbunden.
Heute: Fehler führen zu dem Gefühl „Ich bin wertlos“.Früher: Anerkennung war stark an Leistung gekoppelt.
Diese Zusammenhänge bedeuten nicht automatisch, dass EMDR notwendig ist.
Sie liefern aber mögliche Ansatzpunkte für eine erinnerungsorientierte Fallkonzeption.
Was passiert bei EMDR mit solchen Erinnerungen?
Das Ziel ist nicht, eine Erinnerung zu löschen.
Ein Mensch soll weiterhin wissen, was passiert ist.
Verändern soll sich vielmehr die Art, wie die Erinnerung heute erlebt wird.
Eine Erinnerung kann beispielsweise weiterhin vorhanden sein, ohne dieselbe körperliche Alarmreaktion auszulösen.
Aus:
„Ich bin in Gefahr.“
kann werden:
„Damals war ich in Gefahr.“
Aus:
„Ich bin wertlos.“
kann werden:
„Ich wurde damals so behandelt, als wäre ich wertlos.“
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Die Vergangenheit wird nicht ungeschehen gemacht.
Aber sie muss nicht mehr mit derselben Intensität Gegenwart erzeugen.
Was wir über EMDR bei Angst und Depression noch nicht wissen
Gerade weil EMDR populärer wird, halte ich diesen Abschnitt für besonders wichtig.
Die Meta-Analyse von 2026 ist interessant, aber sie liefert keinen Beweis dafür, dass EMDR die beste Behandlung für Angst oder Depression ist.
Die Autor:innen nennen mehrere Einschränkungen.
Die untersuchten Studien waren sehr unterschiedlich.
Die Effekte fielen bei methodisch problematischeren Studien größer aus.
Hinweise auf Small-Study- beziehungsweise Publikationsverzerrungen schwächten die ursprünglichen Gesamteffekte.
Und gegenüber aktiven psychotherapeutischen Vergleichsbedingungen war der Vorteil von EMDR deutlich weniger eindeutig.
Das ist wissenschaftlich relevant.
Eine neue oder interessante Methode sollte nicht deshalb bevorzugt werden, weil sie spektakulärer klingt.
Die Behandlung sollte zur Störung, zur Fallkonzeption und zum Menschen passen.
EMDR ist keine Therapie für „alles“
Die zunehmende Forschung zu EMDR außerhalb der PTBS ist spannend.
Sie birgt aber auch eine Gefahr.
Wenn eine Methode populär wird, entsteht schnell die Vorstellung:
EMDR hilft gegen Trauma.
Dann:
EMDR hilft gegen Angst.
Dann:
EMDR hilft gegen Depression.
Und irgendwann:
EMDR hilft gegen fast alles.
So funktioniert seriöse Psychotherapieforschung nicht.
Für PTBS besteht eine wesentlich etabliertere Evidenzbasis.
Für andere psychische Störungen gibt es teilweise vielversprechende Forschung, deren Qualität und Umfang jedoch je nach Störungsbild unterschiedlich sind.
Die 2026 veröffentlichte Meta-Analyse erweitert unsere Wissensbasis zu Angst und Depression. Gleichzeitig mahnen ihre eigenen Ergebnisse zu einer vorsichtigen Interpretation.
Beides darf gleichzeitig wahr sein:
EMDR könnte für mehr Probleme hilfreich sein als ausschließlich PTBS.
Und:
Wir sollten nicht mehr behaupten, als die Forschung tatsächlich zeigt.
Wie ich EMDR in meiner Praxis einsetze
Für mich steht deshalb nicht die Frage
„Kann ich dieses Problem mit EMDR behandeln?“
am Anfang.
Sondern:
„Wie lässt sich dieses Problem bei diesem Menschen verstehen?“
Ich arbeite verhaltenstherapeutisch und integriere EMDR dort, wo eine erinnerungsorientierte Bearbeitung aufgrund der individuellen Fallkonzeption sinnvoll erscheint.
Bei einer Angststörung kann deshalb Verhaltenstherapie im Vordergrund stehen.
Bei einer Depression können andere Interventionen zentral sein.
Bei komplexen Traumafolgestörungen kann eine ausführlichere traumatherapeutische Fallkonzeption notwendig sein.
Und manchmal zeigt sich, dass bestimmte Erinnerungen, Körperreaktionen oder negative Selbstüberzeugungen mit heutigen Beschwerden eng verbunden sind.
Dann kann EMDR ein Teil der Behandlung werden.
Nicht weil jedes psychische Problem ein Trauma ist. Sondern weil unsere Vergangenheit manchmal weiterhin daran beteiligt ist, wie wir die Gegenwart erleben.
Häufige Fragen zu EMDR bei Angst und Depression
Kann EMDR bei Angststörungen helfen?
Eine aktuelle Meta-Analyse randomisierter Studien fand insgesamt eine Reduktion von Angstsymptomen unter EMDR. Die Studien waren jedoch sehr heterogen, und die Evidenz ist differenzierter als bei PTBS.
Kann EMDR bei Depression helfen?
Auch für depressive Symptome zeigte die Meta-Analyse von 2026 positive Effekte. Das bedeutet jedoch nicht, dass EMDR für jede Depression die Behandlung der ersten Wahl ist oder etablierten Psychotherapieverfahren generell überlegen wäre.
Brauche ich eine PTBS-Diagnose für EMDR?
Nicht grundsätzlich. EMDR wird wissenschaftlich auch bei anderen psychischen Problemen untersucht. Ob es individuell sinnvoll ist, sollte anhand der Symptomatik und einer therapeutischen Fallkonzeption entschieden werden.
Muss hinter meiner Angst ein Trauma stecken?
Nein. Angststörungen können durch unterschiedliche psychologische und biologische Prozesse entstehen und aufrechterhalten werden. Belastende Erfahrungen können ein Faktor sein, müssen es aber nicht.
Kann EMDR Panikattacken behandeln?
Es gibt Forschung zu EMDR bei verschiedenen Angstproblemen. Bei Panikstörungen sind jedoch auch etablierte verhaltenstherapeutische Verfahren relevant. Entscheidend ist, welche Mechanismen die Panik bei der jeweiligen Person aufrechterhalten.
Kann EMDR negative Glaubenssätze wie „Ich bin wertlos“ verändern?
Negative Selbstüberzeugungen können im EMDR Teil eines belastenden Erinnerungsnetzwerks sein. Therapeutisch wird dann nicht nur der Satz isoliert bearbeitet, sondern untersucht, mit welchen Erfahrungen, Emotionen und Körperreaktionen er verbunden ist.
Fazit: Nicht alles ist Trauma – aber Erfahrungen hinterlassen Spuren
Die Forschung zu EMDR entwickelt sich weiter.
Eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse mit 2.064 Teilnehmer:innen spricht dafür, dass EMDR auch mit einer Reduktion von Angst- und Depressionssymptomen verbunden sein kann. Gleichzeitig waren die Studien sehr unterschiedlich, und gegenüber aktiven psychologischen Vergleichsbehandlungen war ein Vorteil von EMDR wesentlich weniger eindeutig.
Deshalb halte ich zwei Extreme für problematisch.
Das eine lautet:
„EMDR ist nur bei klassischer PTBS relevant.“
Das andere:
„Hinter fast jedem psychischen Problem steckt ein Trauma, das mit EMDR bearbeitet werden muss.“
Psychische Probleme sind komplexer.
Bei manchen Menschen stehen gegenwärtige Lern- und Verhaltensprozesse im Vordergrund. Bei anderen spielen Beziehungen, Lebensbedingungen oder biologische Faktoren eine wesentliche Rolle. Und bei manchen Menschen tragen belastende frühere Erfahrungen dazu bei, dass bestimmte Ängste, Körperreaktionen oder negative Überzeugungen bis heute ihre emotionale Kraft behalten.
Eine gute Psychotherapie sollte deshalb nicht versuchen, einen Menschen an eine Methode anzupassen.
Die Methode sollte zur individuellen Fallkonzeption des Menschen passen.
Und manchmal führt diese Fallkonzeption zu einer wichtigen Frage:
Nicht nur: „Was stimmt heute nicht?“
Sondern auch:
„Was ist passiert – und warum fühlt es sich heute noch so an?“
Literatur
Ajele, K. W., Ramonkga, B. N., & Idemudia, E. S. (2026). Eye Movement Desensitization and Reprocessing Outcomes in Depression and Anxiety: Evidence from a Meta-Analysis. Journal of EMDR Practice and Research, 20, Article 0033. Die Meta-Analyse berücksichtigt randomisierte kontrollierte Studien und betont neben positiven Ergebnissen ausdrücklich hohe Heterogenität, mögliche Verzerrungen und die unsichere Überlegenheit gegenüber aktiven psychotherapeutischen Vergleichsbedingungen.
Spadoni, M., Arnaboldi, P., & Knipe, J. (2026). The EMDR Toolbox Method (ETM): Expanding Jim Knipe’s work and Enhancing the AIP Model. Journal of EMDR Practice and Research, Manuskript.



