Wie wirksam ist EMDR wirklich? Was 65 randomisierte Studien zeigen

EMDR gehört heute zu den etablierten psychotherapeutischen Behandlungen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Trotzdem begegnen mir rund um die Methode zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen.
Auf der einen Seite wird EMDR manchmal noch immer als ungewöhnliche Methode wahrgenommen, bei der man sich fragt, ob die Augenbewegungen tatsächlich mehr sind als ein therapeutisches Ritual. Auf der anderen Seite findet man Aussagen, nach denen EMDR Traumata geradezu in wenigen Sitzungen „auflösen“ könne.
Beides wird der Forschung nicht gerecht.
Im August 2026 erschien in BMC Psychology eine neue Meta-Analyse von Han Yang und Kolleg:innen. Die Forschenden werteten 65 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 3.342 erwachsenen Teilnehmer:innen aus. Untersucht wurde nicht nur, ob EMDR PTBS-Symptome reduziert, sondern auch, ob Veränderungen nach der Behandlung bestehen bleiben und was mit begleitenden Angst- und Depressionssymptomen geschieht.
Die Ergebnisse sprechen deutlich dafür, dass EMDR bei PTBS wirksam sein kann.
Gleichzeitig zeigt ein genauerer Blick auf die Daten, warum die interessantere wissenschaftliche Frage nicht mehr einfach lautet:
„Wirkt EMDR?“
Sondern:
Wie stark wirkt EMDR, womit vergleichen wir es, bei wem wurde es untersucht – und wie sicher können wir diese Ergebnisse auf einen einzelnen Menschen übertragen?
Was ist EMDR überhaupt?
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.
Während der Behandlung wird eine belastende Erinnerung gezielt aktiviert. Gleichzeitig wird die Aufmerksamkeit durch eine zweite Aufgabe beansprucht – klassischerweise durch horizontale Augenbewegungen, heute aber auch durch andere Formen bilateraler oder kognitiv belastender Stimulation.
Das Ziel ist nicht, eine Erinnerung zu löschen.
Ein traumatisches Ereignis soll weiterhin als Teil der eigenen Biografie erinnerbar sein. Aber die Erinnerung kann ihre überwältigende Gegenwartsqualität verlieren: Das Geschehene wird stärker als etwas erlebt, das damals passiert ist, statt vom Organismus immer wieder so behandelt zu werden, als geschehe es gerade erneut.
Wie genau EMDR diese Veränderung bewirkt, ist wissenschaftlich weiterhin Gegenstand der Forschung.
Eine wichtige Erklärung ist die Working-Memory-Hypothese. Erinnern und eine gleichzeitig ausgeführte anspruchsvolle Aufgabe konkurrieren um begrenzte Arbeitsgedächtniskapazität. Experimentelle Studien zeigen, dass solche Dual-Task-Verfahren die Lebendigkeit und emotionale Belastung aversiver autobiografischer Erinnerungen reduzieren können. Eine aktuelle experimentelle Studie mit 560 Personen fand diesen Effekt beispielsweise nicht nur für angstbesetzte Erinnerungen, sondern auch für Erinnerungen, die überwiegend mit Scham, Ärger oder Traurigkeit verbunden waren.
Das ist für die Traumatherapie relevant, weil traumatische Erinnerungen keineswegs nur aus Angst bestehen.
Was hat die neue Meta-Analyse untersucht?
Eine einzelne Therapiestudie kann interessante Ergebnisse liefern. Sie kann aber beispielsweise eine kleine Stichprobe haben, eine bestimmte Patientengruppe untersuchen oder Ergebnisse produzieren, die sich in einer anderen Studie nicht wiederholen.
Eine Meta-Analyse versucht deshalb, die Ergebnisse vieler Untersuchungen statistisch zusammenzuführen.
Yang und Kolleg:innen analysierten 65 randomisierte kontrollierte Studien mit 3.342 Erwachsenen mit PTBS. Berücksichtigt wurden unter anderem Art des Traumas, Art der Kontrollbedingung, geografische Region, Zeitpunkt der Intervention und Behandlungsdauer. Die Arbeit wurde am 12. August 2026 veröffentlicht.
Das Hauptergebnis:
Menschen, die EMDR erhielten, zeigten im Durchschnitt deutlich geringere PTBS-Symptome als Menschen in den jeweiligen Kontrollbedingungen.
Unmittelbar nach der Behandlung betrug die zusammengefasste Effektstärke ungefähr:
Hedges g = 0,96.
Bei Follow-up-Untersuchungen lag sie bei ungefähr:
g = 0,80.
Beides sind auf Gruppenebene substanzielle Unterschiede.
Aber bevor man daraus schließt, EMDR habe einen Effekt von „fast 1,0“, müssen wir verstehen, was diese Zahl überhaupt bedeutet.
Was bedeutet eine Effektstärke von 0,96?
Hedges g ist eine standardisierte Effektstärke.
Sehr vereinfacht beschreibt sie, wie weit die durchschnittlichen Ergebnisse zweier Gruppen statistisch auseinanderliegen, gemessen in Standardabweichungen.
Ein Wert von 0 würde bedeuten, dass sich die Gruppen im Durchschnitt nicht unterscheiden. Je größer der Abstand von null, desto größer ist der statistische Unterschied.
Ein g von ungefähr 0,96 ist daher ein großer durchschnittlicher Gruppenunterschied.
Aber:
g = 0,96 bedeutet nicht, dass EMDR bei 96 Prozent der Patient:innen funktioniert.
Es bedeutet auch nicht:
„EMDR reduziert PTBS um 96 Prozent.“
Und es bedeutet schon gar nicht, dass ein bestimmter Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 Prozent gesund wird.
Das sind unterschiedliche statistische Fragen.
Eine Effektstärke beschreibt einen durchschnittlichen Unterschied zwischen Gruppen. Sie sagt zunächst nichts darüber, wie stark eine konkrete Person profitieren wird.
Und noch etwas ist entscheidend:
Eine Effektstärke existiert nie ohne Vergleichsgruppe.
Die wichtigste Frage lautet: EMDR im Vergleich womit?
Stellen wir uns zwei Studien vor.
In Studie A erhält eine Gruppe EMDR. Die andere Gruppe wartet mehrere Wochen ohne spezifische Traumatherapie.
In Studie B erhält eine Gruppe EMDR. Die andere Gruppe erhält eine ebenfalls wirksame traumafokussierte Psychotherapie.
Selbst wenn die Patient:innen in beiden EMDR-Gruppen ähnlich stark profitieren, wird der statistische Unterschied in Studie A wahrscheinlich größer sein.
Denn in Studie B verbessert sich auch die Vergleichsgruppe.
Genau dieses Muster findet sich in der Meta-Analyse.
Die Effektstärken unterschieden sich erheblich danach, womit EMDR verglichen wurde. Gegenüber Wartelisten waren die Unterschiede besonders groß; gegenüber Treatment as Usual ebenfalls deutlich. Gegenüber aktiven psychotherapeutischen Vergleichsbedingungen – insbesondere kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungen – wurden die Unterschiede wesentlich kleiner.
Das ist kein Argument gegen EMDR.
Im Gegenteil: Es ist genau das, was man erwarten würde, wenn mehrere wirksame Behandlungen für PTBS existieren.
Deshalb ist die Aussage
„EMDR hat eine Effektstärke von 0,96“
ohne Angabe der Vergleichsbedingungen wissenschaftlich unvollständig.
Die Autor:innen selbst fanden, dass die Art der Kontrollgruppe die unmittelbaren PTBS-Effekte moderierte.
EMDR wirkt – aber nicht jede Studie zeigt dasselbe
Ein weiterer wichtiger Wert der Meta-Analyse ist weniger intuitiv:
I².
Die Heterogenität der unmittelbaren PTBS-Ergebnisse lag bei ungefähr 86 Prozent, bei den Follow-up-Ergebnissen bei ungefähr 90 Prozent.
Das ist hoch.
Vereinfacht bedeutet es: Die Unterschiede zwischen den Studien lassen sich nicht einfach als zufällige statistische Schwankungen behandeln.
Manche Studien fanden sehr große Effekte.
Andere deutlich kleinere.
Die Patientengruppen unterschieden sich. Die Traumata unterschieden sich. Die Vergleichsbehandlungen unterschieden sich. Therapiedauer und Settings unterschieden sich.
Genau deshalb sollte man einen meta-analytischen Mittelwert nicht mit einem Naturgesetz verwechseln.
Der Durchschnitt ist real – aber die Variation um diesen Durchschnitt ebenfalls.
Und für mich ist genau diese Variation klinisch besonders interessant.
Bleibt die Wirkung von EMDR bestehen?
Eine häufige Kritik an Psychotherapiestudien lautet zu Recht:
Was nützt eine deutliche Verbesserung unmittelbar nach Therapieende, wenn die Symptome kurze Zeit später zurückkehren?
Deshalb untersuchten Yang und Kolleg:innen ausdrücklich Follow-up-Daten.
Auch dort zeigte sich zugunsten von EMDR ein deutlicher Effekt auf PTBS-Symptome. Die Autor:innen interpretieren ihre Ergebnisse deshalb als Hinweis darauf, dass die Effekte nicht ausschließlich unmittelbar nach Therapieende auftreten, sondern bei Follow-up-Messungen fortbestehen können.
Das ist ein wichtiger Befund.
Trotzdem sollte auch hier das Wort „langfristig“ vorsichtig verwendet werden.
Die eingeschlossenen Studien hatten unterschiedliche Follow-up-Zeiträume. Eine Meta-Analyse zeigt deshalb nicht, dass jeder Behandlungseffekt über Jahre unverändert bestehen bleibt.
Sie zeigt vielmehr:
In den verfügbaren Follow-up-Daten blieb ein durchschnittlicher Behandlungsvorteil nachweisbar.
Was passiert mit Angst und Depression?
PTBS tritt selten völlig isoliert auf.
Viele Betroffene leiden gleichzeitig unter depressiven Symptomen, Ängsten, Schlafproblemen, Scham, Schuldgefühlen oder Schwierigkeiten in Beziehungen.
Deshalb untersuchte die Meta-Analyse neben PTBS auch Angst und Depression.
Für Angstsymptome fand sich unmittelbar nach der Behandlung ein Effekt von ungefähr g = 0,66, im Follow-up ungefähr g = 0,91.
Für depressive Symptome lag der unmittelbare Effekt ungefähr bei g = 0,54, im Follow-up bei ungefähr g = 0,58.
Das ist klinisch interessant.
Es könnte darauf hindeuten, dass eine erfolgreiche Behandlung traumatischer Erinnerungen nicht ausschließlich die eng definierten PTBS-Symptome verändert.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass EMDR damit eine allgemeine Erstlinienbehandlung jeder Depression oder Angststörung wäre. Die Meta-Analyse untersuchte Erwachsene mit PTBS. Angst und Depression wurden in diesem Kontext als zusätzliche Symptome betrachtet.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Kann EMDR schon kurz nach einem Trauma helfen?
Die Autor:innen untersuchten auch, ob der Zeitpunkt der Intervention eine Rolle spielte.
In Studien, in denen EMDR innerhalb der ersten drei Monate nach dem traumatischen Ereignis eingesetzt wurde, zeigte sich ein besonders großer Effekt. Die entsprechende Subgruppenanalyse lag ungefähr bei g = 1,92, während spätere Interventionen einen kleineren durchschnittlichen Effekt zeigten.
Auch hier wäre eine verführerische Schlussfolgerung:
Je früher EMDR, desto besser.
So einfach ist es nicht.
Subgruppen in Meta-Analysen sind keine randomisierten Vergleiche der Frage „früh versus spät“. Menschen, Traumata, Behandlungssettings und Kontrollbedingungen können sich zwischen den Studien unterscheiden.
Ein großer Unterschied zwischen zwei Subgruppen kann deshalb durch mehrere Faktoren erklärt werden.
Die Ergebnisse machen frühe Intervention wissenschaftlich interessant. Sie beweisen aber nicht, dass jeder Mensch unmittelbar nach einem traumatischen Ereignis möglichst schnell EMDR erhalten sollte.
Und sie bedeuten insbesondere nicht, dass jede normale akute Reaktion nach einem erschütternden Ereignis sofort psychotherapeutisch „bearbeitet“ werden muss.
Bedeutet „wenige Sitzungen“ möglicherweise sogar bessere Wirkung?
Eine weitere Subgruppenanalyse kann leicht missverstanden werden.
Studien mit nur ein bis drei EMDR-Sitzungen zeigten teilweise besonders große Effekte.
Die Autor:innen formulieren daraus in ihrer Schlussfolgerung, frühe und kurze EMDR-Interventionen hätten eine besonders hohe Wirksamkeit gezeigt.
Hier wäre ich in der klinischen Interpretation deutlich vorsichtiger.
Denn daraus folgt nicht:
„Drei Sitzungen EMDR sind wirksamer als zehn.“
Menschen, die in Studien eine kurze Intervention erhalten, können sich systematisch von Patient:innen unterscheiden, die längere Behandlungen benötigen.
Ein einzelnes klar umgrenztes Trauma ist etwas anderes als jahrelange interpersonelle Gewalt.
Eine Behandlung kurz nach einem Unfall ist etwas anderes als die Behandlung eines Menschen mit komplexer Traumatisierung, Dissoziation, chronischer Scham und ausgeprägten Beziehungsschwierigkeiten.
Therapiedauer ist deshalb nicht nur eine Dosis. Sie ist häufig auch ein Hinweis darauf, wie komplex die behandelte Problematik ist.
Subgruppenanalysen können Hypothesen erzeugen.
Sie ersetzen keine randomisierte Studie, in der vergleichbare Patient:innen gezielt unterschiedlichen Behandlungsdauern zugeteilt werden.
Wie zuverlässig sind die 65 Studien?
Hier kommen wir zu dem Teil, der in populären Zusammenfassungen therapeutischer Forschung häufig fehlt.
Eine Meta-Analyse wird nicht automatisch dadurch hochwertig, dass sie viele Studien enthält.
Wenn die eingeschlossenen Studien methodische Probleme haben, verschwinden diese nicht dadurch, dass man ihre Ergebnisse zusammenrechnet.
Yang und Kolleg:innen bewerteten deshalb das Risk of Bias der eingeschlossenen Untersuchungen.
Nur 2 der 65 Studien wurden insgesamt als niedriges Verzerrungsrisiko eingestuft.
Bei 34 Studien bestanden gewisse Bedenken (some concerns).
29 Studien wurden als hohes Bias-Risiko bewertet.
Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse falsch sind.
Es bedeutet aber:
Unsere Sicherheit darüber, wie genau die wahre Effektgröße aussieht, ist geringer, als die beeindruckende Zahl von 65 randomisierten Studien zunächst vermuten lässt.
Hinzu kommt die bereits erwähnte sehr hohe Heterogenität.
Und für den unmittelbaren PTBS-Effekt fanden sich Hinweise darauf, dass auch Publikationsbias eine Rolle spielen könnte.
Positive Ergebnisse werden wissenschaftlich eher veröffentlicht als unauffällige oder negative Ergebnisse. Wenn das geschieht, kann eine Meta-Analyse den tatsächlichen Effekt überschätzen.
Deshalb gehört zur wissenschaftlich korrekten Zusammenfassung beides:
Die Evidenz spricht für EMDR.
Und:
Die exakte Größe dieses Effekts ist mit Unsicherheit behaftet.
Ist EMDR besser als Verhaltenstherapie?
Auch diese Frage wird häufig gestellt – und sie ist schwieriger, als sie klingt.
Wenn EMDR gegen Wartelisten verglichen wird, zeigt sich ein sehr großer Unterschied.
Wenn EMDR dagegen mit einer aktiven kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung verglichen wird, wird der Unterschied wesentlich kleiner.
In der Meta-Analyse lag der entsprechende Subgruppenwert für Vergleiche mit CBT ungefähr bei g = 0,42.
Das sollte man aber ebenfalls nicht als einfachen Beweis lesen, dass EMDR „0,42 besser als CBT“ sei.
Subgruppenanalysen verschiedener Studien sind keine ideale direkte Rangliste von Psychotherapien. Die eingeschlossenen CBT-Verfahren, Populationen und Studiendesigns können sich unterscheiden.
Die sinnvollere Schlussfolgerung lautet:
EMDR gehört zu mehreren evidenzbasierten Möglichkeiten der PTBS-Behandlung.
Die wissenschaftliche Frage ist deshalb zunehmend nicht nur, ob EMDR grundsätzlich funktioniert.
Sie lautet:
Welche Behandlung funktioniert für welchen Menschen unter welchen Bedingungen?
Und was ist mit komplexer PTBS?
Hier wird die Übertragung der Meta-Analyse besonders wichtig.
Die Untersuchung bezieht sich auf Erwachsene mit PTBS. Daraus kann nicht automatisch geschlossen werden, dass dieselben durchschnittlichen Effekte unverändert für jede Form komplexer Traumatisierung gelten.
Ein Mensch kann beispielsweise zusätzlich unter ausgeprägter Dissoziation, chronischer Scham, Selbstverletzung, Schwierigkeiten mit Emotionsregulation oder massiven Bindungs- und Beziehungstraumatisierungen leiden.
Dann besteht Behandlung möglicherweise nicht einfach darin:
belastende Erinnerung auswählen → Augenbewegungen → Erinnerung verarbeiten.
Bei komplexer Traumatisierung kann zunächst die Frage wichtig werden, ob traumatische Erinnerungen überhaupt so aktiviert werden können, dass Verarbeitung möglich bleibt.
Kann die Person gleichzeitig wahrnehmen:
„Ich erinnere mich daran“
und
„Ich bin jetzt hier“?
Kann sie eine belastende Erinnerung aktivieren, ohne vollständig überwältigt zu werden oder dissoziativ aus dem Kontakt zu gehen?
Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
Wie stabil ist die therapeutische Beziehung?
Welche Funktion haben bestimmte Schutzmechanismen?
Und was bedeutet es für diesen konkreten Menschen überhaupt, die Kontrolle während einer Traumaverarbeitung teilweise abzugeben?
Das sind keine Einwände gegen EMDR.
Sie gehören zu einer guten Traumatherapie.
Eine wirksame Methode ist noch keine vollständige Therapie
Hier liegt für mich eine der wichtigsten Unterscheidungen.
Eine Meta-Analyse beantwortet eine Gruppenfrage:
Hilft EMDR Menschen mit PTBS durchschnittlich stärker als die untersuchten Vergleichsbedingungen?
Die vorliegenden Daten sprechen dafür.
Eine Therapeutin oder ein Therapeut sitzt aber niemals einem statistischen Durchschnitt gegenüber.
Vor uns sitzt ein Mensch.
Vielleicht hat dieser Mensch einen einzelnen schweren Verkehrsunfall erlebt.
Vielleicht wurde er über Jahre von einer Bezugsperson misshandelt.
Vielleicht erinnert er jedes Detail.
Vielleicht fehlen ganze Abschnitte seiner Biografie.
Vielleicht empfindet er Angst.
Vielleicht vor allem Scham.
Vielleicht Wut.
Vielleicht gar nichts.
Die Diagnose kann dieselbe sein.
Die Behandlung muss deshalb noch lange nicht identisch verlaufen.
Das ist einer der Gründe, warum ich wissenschaftlich fundierte Psychotherapie nicht als Anwendung eines Algorithmus verstehe.
Evidenz sagt uns, welche Interventionen mit welcher Wahrscheinlichkeit hilfreich sein können. Fallverständnis hilft uns zu entscheiden, wie diese Evidenz bei einem konkreten Menschen angewendet werden kann.
Muss man bei EMDR eigentlich Angst bearbeiten?
Interessanterweise spricht neuere experimentelle Forschung gegen eine zu enge Vorstellung von EMDR als reine „Angstreduktion“.
Van Schie und van Veen untersuchten 2026 560 Personen, die autobiografische Erinnerungen aktivierten, deren dominante Emotion entweder Angst, Scham, Ärger oder Traurigkeit war.
Eine Gruppe erinnerte sich lediglich. Die andere erinnerte sich gleichzeitig unter einer Dual-Task-Bedingung mit Augenbewegungen.
Die Kombination aus Erinnerung und Dual Task reduzierte die Lebendigkeit und Unangenehmheit der Erinnerungen stärker als bloßes Erinnern. Entscheidend: Dieser Effekt wurde nicht zuverlässig davon moderiert, ob die dominante Emotion Angst, Scham, Ärger oder Traurigkeit war.
Das ist zunächst eine experimentelle Proof-of-Principle-Studie, keine klinische EMDR-Therapiestudie. Die Teilnehmer:innen waren keine PTBS-Behandlungsstichprobe, die Untersuchung fand online statt und untersuchte unmittelbare Veränderungen innerhalb einer Sitzung. Die Autor:innen weisen selbst auf diese Grenzen hin.
Trotzdem ist der Befund konzeptionell interessant.
Traumatische Erinnerungen bestehen eben nicht ausschließlich aus Angst.
Ein sexueller Übergriff kann beispielsweise vor allem Scham auslösen.
Ein Verrat vielleicht Wut.
Ein traumatischer Verlust tiefe Traurigkeit.
Komplexe Traumatisierung kann mit einer Mischung aus Angst, Schuld, Scham, Ärger und negativem Selbstbild verbunden sein.
Dass Dual-Task-Effekte in diesem Experiment über unterschiedliche Emotionen hinweg auftraten, passt deshalb zu einer breiteren Vorstellung traumatischer Erinnerungsverarbeitung.
Was heißt eigentlich „eine Erinnerung verarbeiten“?
Auch hier ist Vorsicht mit vereinfachenden Formulierungen sinnvoll.
EMDR löscht eine Erinnerung nicht.
Nach erfolgreicher Therapie sollte ein Mensch weiterhin wissen können, was geschehen ist.
Verändern kann sich vielmehr die Art, wie die Erinnerung gegenwärtig erlebt wird.
Ein Patient kann beispielsweise vor der Behandlung sagen:
„Ich weiß, dass es vor zehn Jahren passiert ist. Aber sobald ich daran denke, fühlt es sich an, als wäre ich wieder dort.“
Später kann dieselbe Person die Erinnerung vielleicht weiterhin traurig oder schmerzhaft finden und gleichzeitig erleben:
„Es ist passiert. Es gehört zu meiner Geschichte. Aber es passiert nicht mehr.“
Dieser Unterschied ist therapeutisch enorm.
Heilung bedeutet nicht notwendigerweise, dass eine schreckliche Erfahrung irgendwann neutral oder bedeutungslos wird.
Manche Dinge bleiben traurig.
Manche bleiben ungerecht.
Manche bleiben Teil der eigenen Biografie.
Die entscheidende Veränderung kann darin bestehen, dass Vergangenheit wieder Vergangenheit werden darf.
Was können wir aus 65 randomisierten Studien also wirklich schließen?
Nach dieser Meta-Analyse halte ich drei Aussagen gleichzeitig für wichtig.
Erstens: Die Forschung liefert substanzielle Evidenz dafür, dass EMDR bei Erwachsenen mit PTBS Symptome reduzieren kann. Die neue Meta-Analyse umfasst 65 randomisierte Studien und findet sowohl unmittelbar nach der Behandlung als auch bei Follow-up-Messungen deutliche durchschnittliche Effekte.
Zweitens: Die beeindruckende durchschnittliche Effektstärke darf nicht isoliert gelesen werden. Die Ergebnisse hängen unter anderem davon ab, womit EMDR verglichen wird. Die Studien unterscheiden sich erheblich voneinander, und bei vielen bestehen methodische Bedenken.
Drittens: Selbst eine sehr gute Meta-Analyse beantwortet nicht die gesamte klinische Frage.
Sie kann uns sagen:
„EMDR ist eine evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeit für PTBS.“
Sie kann uns nicht allein sagen:
„Dieser konkrete Mensch sollte heute mit dieser konkreten Erinnerung auf genau diese Weise arbeiten.“
Dafür brauchen wir zusätzlich Diagnostik, Fallverständnis, therapeutische Beziehung und klinische Urteilskraft.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr nur: Wirkt EMDR?
Vielleicht ist das die wichtigste Entwicklung in der Psychotherapieforschung.
Bei etablierten Behandlungen reicht irgendwann die Frage
„Wirkt es?“
nicht mehr aus.
Interessanter werden Fragen wie:
Bei wem wirkt es besonders gut?
Wann braucht es Anpassungen?
Welche Rolle spielen Dissoziation und komplexe Traumatisierung?
Welche Prozesse vermitteln die Veränderung?
Wie viel Behandlung braucht welcher Mensch?
Wie stabil bleiben Veränderungen über Jahre?
Und schließlich:
Wie verbinden wir das Wissen aus großen Studien mit dem individuellen Menschen, der vor uns sitzt?
Die neue Meta-Analyse von Yang und Kolleg:innen liefert auf einige dieser Fragen wichtige Antworten und auf andere noch nicht.
Das ist kein Mangel wissenschaftlicher Forschung.
Es ist ein guter Grund, sie ernst zu nehmen.
Denn wissenschaftlich fundierte Psychotherapie bedeutet weder, einer Methode blind zu vertrauen, noch ihre Grenzen zum Anlass zu nehmen, ihre Wirksamkeit zu bestreiten.
Es bedeutet, möglichst genau zu wissen:
Was wir wissen.
Wie sicher wir es wissen.
Und was wir noch nicht wissen.
Literatur
Yang, H., Xiong, Z., Chen, X., Wo, Y., Tang, H., Qiao, M., Chen, Y. & Wang, Z. (2026). The immediate and follow-up effects of EMDR therapy for adults with post-traumatic stress disorder: a meta-analysis of randomized controlled trials.
Die Arbeit wurde am 12. August 2026 veröffentlicht und umfasst 65 Studien mit 3.342 Teilnehmer:innen.
Van Schie, K. & van Veen, S. C. (2026). Beyond fear: dual task interventions are effective for fear and non-fear memories. Cognition and Emotion.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen fachlichen Information und ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlungsplanung.



