top of page

Wenn es in der Psychotherapie schwierig wird: Warum Konflikte Teil der Heilung sein können

Autorenbild: Philipp Lioznov
Philipp Lioznov
2. Sept.
16 Min. Lesezeit

Eine Psychotherapie kann über längere Zeit hilfreich und vertrauensvoll sein – und dann geschieht etwas, das die Beziehung verändert.

Der Psychotherapeut sagt etwas, das verletzt.

Er versteht etwas falsch.

Eine Patientin fühlt sich plötzlich nicht gesehen, kritisiert oder zurückgewiesen. Vielleicht ist sie wütend. Vielleicht schämt sie sich für ihre Wut. Vielleicht sagt sie gar nichts und geht nach der Stunde mit dem Gedanken nach Hause:

„Er versteht mich doch nicht.“

Oder:

„Ich bin ihm zu viel.“

Oder:

„Ich hätte mich niemals so öffnen dürfen.“

Manchmal entsteht sogar der Impuls, die Therapie abzubrechen.

Solche Momente können sich besonders irritierend anfühlen, weil viele Menschen von Psychotherapie etwas anderes erwarten: einen geschützten Raum, in dem sie endlich verstanden werden.

Ist ein Konflikt deshalb ein Zeichen dafür, dass die Psychotherapie nicht funktioniert?

Nicht unbedingt.

Psychotherapeut:innen sind keine vollkommen abgestimmten Gegenüber. Sie werden Patient:innen manchmal missverstehen, etwas übersehen, eine Intervention zum falschen Zeitpunkt setzen oder eine Reaktion anders einschätzen, als sie gemeint war.

Die Psychotherapieforschung bezeichnet Spannungen oder Brüche in der therapeutischen Zusammenarbeit als alliance ruptures – Brüche in der therapeutischen Allianz. Sie können die emotionale Beziehung betreffen, aber auch Uneinigkeit über Ziele oder darüber, wie in der Therapie gearbeitet werden soll.

Solche Brüche sind nicht automatisch therapeutisch.

Im Gegenteil: Eine ganz aktuelle Meta-Analyse aus dem Jahr 2026 zeigt, dass ausgeprägtere Allianzbrüche im Durchschnitt mit schlechteren Therapieergebnissen zusammenhängen.

Aber es gibt einen zweiten Befund, der für Psychotherapie mindestens genauso interessant ist:

Wenn ein Bruch erkannt und gemeinsam bearbeitet werden kann, kann genau dieser Prozess zu einer wichtigen therapeutischen Erfahrung werden.

Darum geht es in diesem Artikel.

Kurz gesagt: Konflikte sind nicht das Ziel – ihre Bearbeitung kann therapeutisch sein

Eine gute therapeutische Beziehung ist keine Beziehung, in der niemals Enttäuschung, Ärger oder Missverständnisse auftreten.

Entscheidend ist vielmehr, ob solche Erfahrungen besprechbar werden können.

Eine Meta-Analyse von Eubanks, Muran und Safran untersuchte 11 Studien mit insgesamt 1.314 Patient:innen. Die erfolgreiche Bearbeitung von Allianzbrüchen war moderat mit besseren Behandlungsergebnissen verbunden (r = .29). Die Autor:innen betonen gleichzeitig, dass daraus keine einfache Kausalität abgeleitet werden kann.

Eine systematische qualitative Übersicht von 2026 beschreibt die subjektive Seite dieses Prozesses: Patient:innen und Therapeut:innen erleben Allianzbrüche zunächst häufig als Bedrohung von Sicherheit, Vertrauen und Hoffnung. Eine gelingende Reparatur kann dagegen die therapeutische Beziehung stärken und zu einem neuen gemeinsamen Verständnis beitragen.

Das bedeutet nicht:

„Mein Therapeut hat mich verletzt – also ist das gut für meine Therapie.“

Es bedeutet:

Ein Beziehungsbruch kann unter bestimmten Bedingungen zu einem Ort werden, an dem etwas Neues erlebt und gelernt werden kann.


Die therapeutische Beziehung ist keine Nebensache

Man könnte Psychotherapie vor allem als Anwendung von Methoden verstehen.

Bei einer Angststörung wird beispielsweise exponiert.

Bei einer Depression werden Verhaltensaktivierung und kognitive Interventionen eingesetzt.

Bei einer PTBS kann EMDR oder eine andere traumafokussierte Behandlung zum Einsatz kommen.

Diese Methoden sind wichtig.

Aber Psychotherapie findet niemals im luftleeren Raum statt.

Eine Intervention wird immer von einem Menschen gegenüber einem anderen Menschen durchgeführt.

Und deshalb gibt es neben der Frage

„Was macht der Therapeut?“

immer auch die Frage:

„Was geschieht zwischen Patient und Therapeut?“

Die Bedeutung dieser therapeutischen Allianz ist empirisch sehr gut untersucht.

Eine große Meta-Analyse von 295 Studien mit mehr als 30.000 Patient:innen fand einen robusten Zusammenhang zwischen der Qualität der therapeutischen Allianz und dem späteren Therapieergebnis (r = .278). Dieser Zusammenhang zeigte sich über unterschiedliche Therapieverfahren, Patientengruppen und Länder hinweg.

Eine weitere Meta-Analyse zeigte, dass dieser Zusammenhang auch dann bestehen bleibt, wenn verschiedene Patientenmerkmale und andere Therapieprozesse statistisch berücksichtigt werden.

Das bedeutet nicht, dass eine gute Beziehung allein jede psychische Erkrankung behandelt.

Aber die Beziehung ist auch nicht bloß die freundliche Verpackung, in der die „eigentliche“ Behandlung stattfindet.

Sie ist selbst ein relevanter Teil des therapeutischen Prozesses.


Was ist ein Bruch in der therapeutischen Beziehung?

Jeremy Safran, Christopher Muran und Catherine Eubanks beschreiben Allianzbrüche als Spannungen oder Verschlechterungen in der Zusammenarbeit zwischen Patient:in und Therapeut:in.

Das kann unterschiedliche Formen annehmen.

Manchmal ist der Konflikt offensichtlich.

Ein Patient sagt:

„Das hat mich gerade wirklich wütend gemacht.“

Oder:

„Ich habe das Gefühl, Sie hören mir überhaupt nicht zu.“

Oder:

„Ich möchte diese Übung nicht machen.“

Aber häufig sind Brüche viel subtiler.

Eine Patientin wird plötzlich still.

Sie stimmt allem zu.

Sie sagt:

„Ja, passt schon.“

Sie wechselt das Thema.

Sie beginnt, nur noch über oberflächliche Dinge zu sprechen.

Sie sagt einen Termin ab.

Oder sie erzählt dem Therapeuten weiterhin alles – aber etwas von der emotionalen Offenheit ist verschwunden.

Das macht Allianzbrüche klinisch so interessant.

Konflikt bedeutet nicht immer Streit.

Manchmal besteht ein Beziehungsbruch gerade darin, dass ein Konflikt nicht ausgesprochen werden kann.


Zwei typische Reaktionen: Rückzug und Konfrontation

In der Rupture-and-Repair-Literatur wird häufig zwischen zwei grundlegenden Mustern unterschieden.

Bei einem Withdrawal-Rupture zieht sich ein Mensch aus der Beziehung oder der therapeutischen Aufgabe zurück.

Er wird still.

Passt sich an.

Wechselt das Thema.

Sagt, dass alles in Ordnung sei.

Oder macht zwar äußerlich weiter, ist innerlich aber nicht mehr wirklich beteiligt.

Bei einem Confrontation-Rupture wird die Spannung deutlicher nach außen getragen.

Der Patient kritisiert den Therapeuten.

Lehnt eine Intervention ab.

Äußert Ärger.

Stellt die Kompetenz des Therapeuten infrage.

Oder sagt:

„Ich glaube nicht, dass Sie verstehen, worum es mir geht.“

Beide Reaktionen können wichtige Informationen enthalten.

Denn die Frage ist nicht nur:

„Warum reagiert der Patient so?“

Sondern auch:

„Was ist gerade zwischen uns passiert?“


Warum ein kleiner therapeutischer Fehler so groß werden kann

Stellen wir uns eine Patientin vor, die in ihrer Kindheit immer wieder erlebt hat:

Wenn sie Bedürfnisse äußert, werden andere genervt.

Wenn sie wütend wird, ziehen sich Menschen zurück.

Wenn sie Kritik äußert, wird zurückgeschlagen.

Wenn sie zu viel braucht, wird sie verlassen.

Diese Erfahrungen müssen nicht als bewusste Sätze gespeichert sein.

Vielleicht würde sie sogar sagen:

„Natürlich weiß ich, dass mein Therapeut mich nicht einfach verlässt, nur weil ich wütend bin.“

Und trotzdem kann ihr emotionales System etwas anderes erwarten.

Nun sagt ihr Therapeut in einer Sitzung etwas Ungeschicktes.

Vielleicht interpretiert er ihre Reaktion zu schnell.

Vielleicht schlägt er eine Intervention vor, obwohl sie sich gerade eigentlich verstanden fühlen möchte.

Vielleicht erinnert er sich falsch an ein Detail.

Die Patientin spürt Ärger.

Und fast unmittelbar danach:

Angst.

„Jetzt bin ich schwierig.“

„Ich sollte nicht so reagieren.“

„Wenn ich ihm sage, dass ich wütend bin, wird er mich anders sehen.“

Das Geschehen im Therapieraum ist dann nicht mehr nur ein Missverständnis im Hier und Jetzt.

Es berührt eine viel ältere Erwartung darüber, was in Beziehungen geschieht, wenn sie nicht harmonisch verlaufen.


Und dann passiert möglicherweise etwas Neues

Die Patientin sagt schließlich:

„Ich war nach der letzten Stunde wirklich wütend auf Sie.“

Vielleicht erwartet sie, dass der Therapeut sich verteidigt.

Oder erklärt, warum seine Intervention eigentlich richtig war.

Oder ihr zeigt, dass ihre Reaktion übertrieben ist.

Vielleicht erwartet sie sogar unbewusst, dass sich seine Haltung ihr gegenüber verändert.

Aber stattdessen bleibt er neugierig.

Er fragt:

„Was genau hat Sie verletzt?“

Er hört zu.

Er versucht nicht sofort, ihre Wahrnehmung zu korrigieren.

Vielleicht erkennt er:

„Ja. Da war ich zu schnell.“

Oder:

„Ich glaube, ich habe Ihnen in diesem Moment tatsächlich nicht genug zugehört.“

Und vielleicht sagt er:

„Ich verstehe, warum Sie das als Zurückweisung erlebt haben.“

Die Wut darf existieren.

Der Therapeut bleibt emotional erreichbar.

Die Patientin muss ihre Wahrnehmung nicht aufgeben, damit die Beziehung weiterbestehen kann.

Und die Beziehung zerbricht nicht.


„Der Therapeut bleibt“ – warum das so bedeutsam sein kann

Damit kommen wir zu einer der psychologisch interessantesten Möglichkeiten von Psychotherapie.

Eine neue Beziehungserfahrung besteht nicht unbedingt darin, endlich einem Menschen zu begegnen, der einen niemals enttäuscht.

Ein solcher Mensch existiert nicht.

Sie kann vielmehr darin bestehen, einem Menschen zu begegnen, mit dem Enttäuschung nicht automatisch das Ende der Beziehung bedeutet.

Ein Mensch kann mich missverstehen und mich trotzdem respektieren.

Ich kann wütend sein und trotzdem verbunden bleiben.

Ich kann sagen:

„Das hat mich verletzt.“

ohne dass mein Gegenüber mich dafür bestraft.

Der andere kann Verantwortung übernehmen, ohne zusammenzubrechen.

Und ich muss weder mich selbst noch den anderen vollständig entwerten, damit mein Ärger berechtigt sein darf.

Das ist mit „der Therapeut bleibt“ eigentlich gemeint.

Nicht:

Er sitzt nächste Woche wieder auf seinem Sessel.

Sondern:

Er bleibt psychologisch in Beziehung.

Er wird nicht defensiv.

Er schlägt nicht zurück.

Er macht den Patienten nicht für seine eigene Kränkung verantwortlich.

Er zieht sich nicht emotional zurück.

Und er versucht, gemeinsam zu verstehen, was geschehen ist.


Konflikt kann zu einer neuen Beziehungserfahrung werden

In vielen problematischen Beziehungsmustern läuft Konflikt ungefähr so:

Verletzung → Angst oder Wut → Angriff oder Rückzug → Eskalation → Distanz oder Beziehungsabbruch

Eine gelingende therapeutische Reparatur kann eine andere Sequenz ermöglichen:

Verletzung → Wahrnehmen → Aussprechen → gemeinsames Verstehen → Verantwortung → Neuverhandlung → Beziehung

Das Entscheidende ist nicht, dass die ursprüngliche Verletzung ungeschehen gemacht wird.

Sie ist passiert.

Aber ihr Ausgang verändert sich.

Genau deshalb kann die Bearbeitung eines Beziehungsbruches mehr sein als eine Rückkehr zum Zustand davor.

Manchmal entsteht anschließend eine Beziehung, in der mehr gesagt werden kann als vorher.

Eine aktuelle qualitative Synthese beschreibt genau dieses Potenzial: Reparatur kann nicht nur die Allianz wiederherstellen, sondern zu einer gestärkten Beziehung und einem vertieften gemeinsamen Verständnis beitragen.


Die Forschung spricht von „rupture and repair“

Für diesen Prozess hat sich der Begriff rupture and repair etabliert.

Rupture: Die therapeutische Zusammenarbeit oder emotionale Verbindung gerät unter Spannung.

Repair: Therapeut:in und Patient:in erkennen und bearbeiten das Geschehen so, dass Zusammenarbeit und Verbindung wiederhergestellt oder neu organisiert werden können.

Die bisherige Forschung ist bemerkenswert.

Bereits frühere Meta-Analysen fanden einen positiven Zusammenhang zwischen gelungener Reparatur und Therapieergebnis. Die umfassendere Meta-Analyse von 2018 kam bei 11 Studien und 1.314 Patient:innen auf r = .29beziehungsweise d = .62.

Gleichzeitig zeigt die ganz aktuelle Meta-Analyse von Babl und Kolleg:innen aus dem Jahr 2026 die andere Seite: Wenn Ruptures direkt erfasst werden, sind sie mit schlechteren Therapieergebnissen assoziiert (r = −.21). Die Datenbasis dafür war mit 301 Patient:innen allerdings noch relativ klein.

Zusammengenommen ergibt sich ein differenziertes Bild:

Ein Bruch ist nicht heilsam, weil er ein Bruch ist. Entscheidend ist, ob und wie mit ihm gearbeitet wird.

Warum das mehr sein kann als „ein Missverständnis klären“

Aus einer psychodynamischen Perspektive wird es noch interessanter.

Nancy McWilliams betont in ihrer psychoanalytischen Fallkonzeption, dass wir einen Menschen nicht ausreichend verstehen, wenn wir lediglich seine Symptome und Diagnosen kennen.

Wir müssen auch verstehen:

Wie schützt sich dieser Mensch?

Welche Beziehungserwartungen bringt er mit?

Was gefährdet seinen Selbstwert?

Welche Affekte sind schwer auszuhalten?

Welche Überzeugungen über sich selbst und andere strukturieren seine Beziehungen?

Welche Rollen kennt er aus wichtigen früheren Beziehungen?

Diese Fragen verändern auch unseren Blick auf Konflikte in der Psychotherapie.

Denn derselbe therapeutische Fehler kann für unterschiedliche Menschen etwas völlig anderes bedeuten.

Ein vergessener Termin kann für einen Menschen schlicht ärgerlich sein.

Für einen anderen bestätigt er:

„Ich bin unwichtig.“

Eine Grenzsetzung kann bedeuten:

„Hier gibt es eine verlässliche Struktur.“

Oder:

„Meine Bedürfnisse sind zu viel.“

Eine Konfrontation kann erlebt werden als:

„Endlich spricht jemand ehrlich mit mir.“

Oder:

„Ich werde wieder beschämt.“

Die objektive Intervention allein erklärt deshalb nicht vollständig, was therapeutisch geschieht.

Wir müssen zusätzlich fragen:

Was bedeutet dieses Ereignis für diesen Menschen?


Eine Intervention ist immer auch ein Beziehungsgeschehen

Das gilt nicht nur für offensichtliche Konflikte.

Nehmen wir EMDR.

Die technische Frage lautet:

Ist EMDR bei diesem Störungsbild indiziert?

Das ist eine notwendige Frage.

Aber aus einer individualisierten Fallkonzeption kommt eine zweite hinzu:

Was bedeutet EMDR für diesen Patienten?

Für einen Menschen kann es heißen:

„Endlich kann ich etwas gegen diese Erinnerungen tun.“

Für einen anderen:

„Mein Therapeut will meine Gefühle möglichst schnell beseitigen.“

Für einen dritten:

„Ich muss endlich wieder funktionieren.“

Für einen vierten:

„Normales Reden mit mir hält mein Therapeut offenbar nicht aus.“

Für einen fünften:

„Jetzt soll ich die Kontrolle abgeben.“

Und für einen sechsten:

„Endlich nimmt jemand ernst, dass mir etwas Traumatisches passiert ist.“

Die Methode ist technisch dieselbe.

Das psychologische Ereignis ist nicht dasselbe.

Genau deshalb ist eine gute therapeutische Beziehung keine Alternative zu evidenzbasierten Methoden.

Sie beeinflusst, wie diese Methoden erlebt, verstanden und genutzt werden können.


Wenn ein Patient wütend auf seinen Therapeuten ist

Wut ist in Psychotherapie besonders interessant.

Viele Menschen haben gelernt, dass Wut Beziehungen gefährdet.

Manche richten sie deshalb gegen sich selbst.

Andere werden übermäßig angepasst.

Wieder andere erleben Ärger sehr intensiv und brechen Beziehungen schnell ab.

Wenn Wut auf den Therapeuten entsteht, können deshalb mehrere Ebenen gleichzeitig vorhanden sein:

Der Therapeut hat tatsächlich etwas falsch gemacht.

und/oder

das aktuelle Geschehen berührt eine ältere Beziehungserfahrung.

Diese beiden Möglichkeiten schließen einander nicht aus.

Das ist entscheidend.

Ein problematischer therapeutischer Umgang wäre:

„Ihre Wut auf mich ist eigentlich nur Übertragung.“

Damit könnte eine reale Verletzung durch den Therapeuten psychologisiert und dem Patienten zurückgegeben werden.

Eine bessere Frage lautet:

„Was davon gehört zu dem, was gerade tatsächlich zwischen uns passiert ist – und was davon bekommt aufgrund Ihrer bisherigen Erfahrungen eine besondere Bedeutung?“

Beides darf untersucht werden.


Ein guter Therapeut muss nicht immer recht haben

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen überhaupt.

Therapeut:innen besitzen aufgrund ihrer Ausbildung Wissen über Psychopathologie und psychotherapeutische Prozesse.

Aber sie besitzen keinen privilegierten Zugang zur subjektiven Wahrheit eines anderen Menschen.

Ein Therapeut kann eine Interpretation anbieten.

Der Patient darf sagen:

„Nein. Das trifft es überhaupt nicht.“

Eine Patientin kann eine Intervention ablehnen.

Sie kann sagen:

„Das war mir zu schnell.“

Oder:

„Ich hatte das Gefühl, Sie wollten mich gerade loswerden.“

Und dann beginnt therapeutische Arbeit.

Nicht notwendigerweise dadurch, dass der Therapeut sofort zustimmt.

Vielleicht hat er die Situation anders erlebt.

Aber beide Perspektiven können zunächst nebeneinander existieren.

Reparatur verlangt nicht, dass einer gewinnt.

Sie verlangt, dass das Geschehen gemeinsam denkbar wird.


Manchmal muss der Therapeut sich entschuldigen

Auch das gehört dazu.

Psychotherapeutische Kompetenz bedeutet nicht Fehlerlosigkeit.

Wenn ein Therapeut einen Fehler gemacht hat, kann eine klare Übernahme von Verantwortung therapeutisch wichtiger sein als eine brillante Interpretation.

Nicht:

„Es tut mir leid, dass Sie das so empfunden haben.“

Das verschiebt die Verantwortung subtil zurück zum Patienten.

Sondern – wenn es tatsächlich zutrifft:

„Da habe ich Sie falsch verstanden.“

„Ich war zu schnell.“

„Das hätte ich anders machen sollen.“

Eine solche Reaktion ist nicht automatisch therapeutisch und auch nicht in jeder Situation die richtige Antwort.

Aber die Fähigkeit des Therapeuten, die eigene Beteiligung an einem Beziehungsgeschehen zu untersuchen, ist zentral für Reparatur.

Eine aktuelle Scoping Review von 2026 fand in der Literatur drei wiederkehrende Bereiche: Ruptures erkennen, die Erfahrung des Bruchs explorieren und – wenn nötig – Aufgaben oder Therapieziele unmittelbar anpassen. Zugleich betont die Review, dass Reparatur patienten-, kultur-, kontext- und traumasensitiv erfolgen muss.


Warum Reparatur manchmal tiefer wirkt als perfekte Abstimmung

Stellen wir uns zwei hypothetische Therapien vor.

In Therapie A fühlt sich die Patientin fast immer verstanden.

Es gibt wenig Reibung.

In Therapie B fühlt sie sich ebenfalls überwiegend verstanden – aber irgendwann entsteht ein deutlicher Konflikt.

Sie sagt zum ersten Mal in ihrem Leben zu einer wichtigen Bezugsperson:

„Ich bin wütend auf Sie.“

Der Therapeut hält das aus.

Sie reden darüber.

Sie merkt:

Ich kann jemanden kritisieren und muss ihn nicht verlieren.

Meine Wahrnehmung darf existieren.

Ich kann Ärger haben und trotzdem ein liebenswerter Mensch bleiben.

Ein anderer Mensch kann einen Fehler machen, ohne vollständig schlecht zu werden.

Wir können unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem verbunden bleiben.

Es wäre wissenschaftlich zu stark zu behaupten, Therapie B müsse deshalb wirksamer sein.

Aber klinisch zeigt das Beispiel, welches Entwicklungspotenzial in einer gelungenen Reparatur liegen kann.

Es geht um Fähigkeiten, die weit über die konkrete Therapiesituation hinausreichen.


Ambivalenz aushalten

Psychische Reifung bedeutet häufig, Widersprüche besser integrieren zu können.

Ein Mensch kann mich enttäuschen und mir wichtig sein.

Ich kann wütend auf jemanden sein und ihn mögen.

Mein Therapeut kann kompetent sein und einen Fehler machen.

Ich kann mich verletzt fühlen, ohne dass der andere deshalb ein schlechter Mensch sein muss.

Und ich kann anerkennen, dass der andere es nicht böse gemeint hat, ohne meine eigene Verletzung verleugnen zu müssen.

Das klingt selbstverständlich.

Für Menschen, deren frühe Beziehungen unsicher, beschämend, unberechenbar oder traumatisch waren, kann genau diese Ambivalenz jedoch außerordentlich schwierig sein.

Dann gibt es möglicherweise nur:

sicher oder gefährlich,

gut oder schlecht,

Nähe oder Abbruch,

Anpassung oder Kampf.

Eine reparierte therapeutische Beziehung kann helfen, zwischen diesen Polen mehr psychischen Raum entstehen zu lassen.


Aber Vorsicht: Nicht jeder therapeutische Konflikt ist heilsam

Dieser Punkt ist so wichtig, dass er nicht in einer Fußnote stehen sollte.

Die Idee von „rupture and repair“ darf niemals dazu verwendet werden, problematisches Verhalten von Therapeut:innen zu legitimieren.

Ein Patient sollte nicht denken:

„Mein Therapeut verletzt mich immer wieder, aber wahrscheinlich gehört das zu meiner Heilung.“

Nein.

Wiederholte Grenzverletzungen werden nicht dadurch therapeutisch, dass man sie „Übertragung“ nennt.

Demütigung ist keine Konfrontation.

Emotionale Kälte ist nicht automatisch Abstinenz.

Unzuverlässigkeit ist keine therapeutische Technik.

Und die Tatsache, dass alte Beziehungsmuster in einer Therapie aktiviert werden können, bedeutet nicht, dass jede negative Erfahrung des Patienten lediglich aus seiner Vergangenheit stammt.

Die aktuelle Forschung passt genau zu dieser Vorsicht: Ruptures an sich sind mit ungünstigeren Ergebnissen verbunden.

Die Reparatur ist der entscheidende Teil.


Woran erkennt man eine mögliche Reparatur?

Es gibt dafür keine einfache Checkliste.

Aber einige Fragen können hilfreich sein.

Kann ich meinem Therapeuten sagen, dass ich wütend oder enttäuscht bin?

Interessiert er sich ernsthaft dafür, wie ich die Situation erlebt habe?

Kann er seine eigene Perspektive vorübergehend zurückstellen?

Kann er anerkennen, dass seine Handlung eine Wirkung hatte, auch wenn diese nicht beabsichtigt war?

Kann er einen tatsächlichen Fehler eingestehen?

Versucht er zu verstehen, was das Ereignis für mich bedeutet?

Können wir anschließend darüber sprechen, wie wir weiterarbeiten wollen?

Und vielleicht besonders wichtig:

Habe ich nach der Bearbeitung mehr oder weniger Freiheit, meine eigenen Gedanken und Gefühle in dieser Therapie auszusprechen?

Gute Reparatur sollte nicht dazu führen, dass der Patient lernt:

„Ich darf Konflikte ansprechen, solange ich am Ende erkenne, dass der Therapeut recht hatte.“

Sie sollte mehr psychischen Raum schaffen.


Wann sollte man einen Konflikt ernst nehmen?

Manchmal ist ein Konflikt tatsächlich ein Signal dafür, dass etwas Grundlegendes nicht stimmt.

Besonders aufmerksam würde ich werden, wenn ein Therapeut wiederholt:

Grenzen verletzt,

die Wahrnehmung des Patienten systematisch entwertet,

Kritik nicht tolerieren kann,

eigene Fehler grundsätzlich dem Patienten zuschreibt,

Druck ausübt, bestimmte Interventionen durchzuführen,

den Patienten beschämt oder einschüchtert,

oder reale Probleme konsequent als „Widerstand“, „Übertragung“ oder Teil der Erkrankung interpretiert.

Dann lautet die therapeutische Aufgabe nicht zwingend:

„Ich muss lernen, in der Beziehung zu bleiben.“

Manchmal besteht eine gesunde Entwicklung gerade darin, eine Grenze zu setzen oder eine Beziehung zu verlassen.

Bleiben ist nicht grundsätzlich reifer als Gehen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Kann ich zunehmend freier erkennen und entscheiden, welche Beziehungen mir guttun und welche nicht?


Warum manche Menschen eine Therapie genau an diesem Punkt abbrechen

Wenn ein Konflikt alte Erwartungen aktiviert, kann der Wunsch nach Abbruch enorm stark werden.

„Ich komme einfach nicht mehr.“

Das kann manchmal eine sehr gesunde Entscheidung sein.

Aber manchmal lohnt sich vorher eine zusätzliche Frage:

„Was würde passieren, wenn ich ihm sage, warum ich gehen möchte?“

Nicht mit dem Ziel, unbedingt zu bleiben.

Sondern um herauszufinden, was zwischen beiden passiert.

Vielleicht bestätigt das Gespräch, dass die therapeutische Beziehung nicht mehr hilfreich ist.

Vielleicht entsteht aber zum ersten Mal eine Erfahrung, die bisher gefehlt hat:

Ich kann sagen, dass ich verletzt bin – und der andere hört mir zu.

Dann wird aus einem möglichen Ende etwas anderes.

Nicht perfekte Harmonie.

Sondern Beziehungskompetenz.


Heilung bedeutet nicht, nie wieder verletzt zu werden

Vielleicht liegt hier eine größere psychotherapeutische Wahrheit.

Wir können einen Menschen nicht darauf vorbereiten, niemals wieder enttäuscht zu werden.

Menschen werden einander missverstehen.

Partner werden Fehler machen.

Freunde werden manchmal nicht so reagieren, wie wir es brauchen.

Kinder werden wütend auf ihre Eltern.

Eltern werden ihre Kinder enttäuschen.

Kolleg:innen werden Grenzen übersehen.

Und auch Psychotherapeut:innen werden Fehler machen.

Psychische Gesundheit kann deshalb nicht bedeuten, Beziehungen zu finden, in denen es keine Verletzungen mehr gibt.

Sie kann aber bedeuten, zunehmend unterscheiden zu können:

Was ist eine reparierbare Verletzung?

Was ist ein gefährliches Muster?

Wann sollte ich sprechen?

Wann sollte ich eine Grenze setzen?

Wann kann ich vergeben?

Wann sollte ich gehen?

Und:

Kann ich einen Konflikt erleben, ohne sofort mich selbst oder die gesamte Beziehung zu verlieren?


Was die Psychotherapieforschung dazu sagt

Der Forschungsstand lässt sich heute relativ klar, aber nicht simplistisch zusammenfassen.

Erstens: Die therapeutische Allianz ist robust mit dem Therapieergebnis verbunden. Eine große Meta-Analyse von 295 Studien und mehr als 30.000 Patient:innen fand einen Zusammenhang von ungefähr r = .28.

Zweitens: Allianzbrüche sind nicht harmlos. Die Meta-Analyse von Babl und Kolleg:innen aus dem Jahr 2026 fand einen kleinen, aber konsistenten Zusammenhang zwischen Ruptures und schlechteren Therapieergebnissen. Die bisher direkt messende Datenbasis ist allerdings noch begrenzt.

Drittens: Gelungene Reparatur ist mit besseren Therapieergebnissen verbunden. Eubanks, Muran und Safran fanden hierfür einen moderaten Zusammenhang.

Viertens: Neuere qualitative Forschung zeigt, warum das subjektiv bedeutsam sein könnte: Ein Bruch kann zunächst Sicherheit, Vertrauen und Hoffnung bedrohen; seine Bearbeitung kann dagegen die Allianz stärken und ein neues gemeinsames Verständnis ermöglichen.

Fünftens: Die Forschung wird zunehmend individualisierter. Eine aktuelle Scoping Review betont, dass erfolgreiche Reparatur nicht nach einem starren Schema erfolgen sollte, sondern Persönlichkeit, Traumaerfahrungen, kulturellen Kontext und die konkrete therapeutische Situation berücksichtigen muss.

Wir sollten daraus allerdings keine zu starke Kausalbehauptung machen.

Die Forschung beweist nicht:

„Therapeutische Konflikte verursachen Heilung.“

Sie unterstützt eine differenziertere Aussage:

Brüche in der therapeutischen Beziehung können schädlich sein. Wenn sie jedoch erkannt und konstruktiv bearbeitet werden, kann ihre Reparatur mit besseren Ergebnissen und einer vertieften therapeutischen Beziehung verbunden sein.

Was bedeutet das für Patient:innen?

Wenn Sie sich in einer Psychotherapie plötzlich wütend, enttäuscht, beschämt, nicht verstanden oder verlassen fühlen, muss das weder automatisch bedeuten, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt, noch dass die Therapie sofort beendet werden sollte.

Es kann sinnvoll sein, genau diese Erfahrung in die Therapie zu bringen.

Zum Beispiel:

„Seit der letzten Stunde habe ich das Gefühl, dass Sie mich nicht verstanden haben.“

„Ihre Reaktion hat mich verletzt.“

„Ich hatte das Gefühl, dass Sie wollten, dass ich einfach wieder funktioniere.“

„Als Sie das gesagt haben, wollte ich eigentlich gar nicht mehr wiederkommen.“

Was anschließend geschieht, kann wichtige Informationen liefern.

Nicht nur über die therapeutische Beziehung.

Sondern möglicherweise auch darüber, wie Sie Beziehungen erleben, was Sie von anderen erwarten und was Sie bisher tun mussten, wenn Nähe schwierig wurde.


Fazit: Eine gute therapeutische Beziehung ist nicht konfliktfrei

Psychotherapie ist eine ungewöhnliche Beziehung.

Sie soll sicher sein – aber sie besteht aus zwei Menschen.

Und zwei Menschen werden sich niemals vollkommen verstehen.

Deshalb ist eine gute therapeutische Beziehung nicht eine Beziehung ohne Fehler.

Sie ist eine Beziehung, in der Fehler erkannt und bearbeitet werden können.

Nicht jeder Konflikt ist heilsam.

Nicht jede Verletzung sollte toleriert werden.

Und nicht jede Therapie muss um jeden Preis fortgesetzt werden.

Aber manchmal entsteht gerade an einem schwierigen Punkt etwas, das vorher nicht möglich war:

Ich darf wütend sein und muss deshalb nicht verlassen werden.

Ich darf sagen, dass du mich verletzt hast, ohne dich dafür verlieren zu müssen.

Du kannst einen Fehler machen und trotzdem für mich wichtig bleiben.

Ich kann enttäuscht sein und trotzdem verbunden bleiben.

Und ich kann entscheiden, ob ich bleiben oder gehen möchte, ohne automatisch in mein altes Beziehungsmuster zurückzufallen.

Vielleicht besteht eine der tiefsten korrigierenden Erfahrungen einer Psychotherapie deshalb nicht darin, endlich einem Menschen zu begegnen, der einen niemals verletzt.

Sondern darin, zu erfahren:

Eine Beziehung kann eine Verletzung überleben – wenn beide bereit sind, sie anzuschauen.

Häufige Fragen

Ist es normal, auf seinen Psychotherapeuten wütend zu sein?

Ja. Ärger, Enttäuschung und andere negative Gefühle gegenüber Therapeut:innen können im Verlauf einer Psychotherapie auftreten. Entscheidend ist nicht allein, dass sie entstehen, sondern ob und wie sie verstanden und bearbeitet werden können.


Soll ich meinem Therapeuten sagen, wenn er mich verletzt hat?

Wenn es sich für Sie möglich und ausreichend sicher anfühlt, kann genau das therapeutisch sehr relevant sein. Die Reaktion des Therapeuten darauf liefert zudem wichtige Informationen über die Qualität der therapeutischen Beziehung.


Bedeutet ein Konflikt, dass mein Therapeut nicht zu mir passt?

Nicht zwangsläufig. Auch in tragfähigen therapeutischen Beziehungen entstehen Missverständnisse. Wiederholte Grenzverletzungen, Entwertung oder fehlende Bereitschaft zur Reflexion sind jedoch etwas anderes als ein reparierbarer Allianzbruch.


Sollte ich eine Therapie nicht abbrechen, wenn ich wütend bin?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Manchmal ist ein Therapieende sinnvoll. Wenn es sicher möglich ist, kann es jedoch hilfreich sein, den Abbruchwunsch und seine Gründe zunächst anzusprechen. Das verpflichtet Sie nicht dazu, anschließend weiterzumachen.


Kann ein Therapeut sich bei einem Patienten entschuldigen?

Ja. Wenn ein tatsächlicher Fehler passiert ist, kann eine angemessene Übernahme von Verantwortung Teil einer Reparatur sein. Eine Entschuldigung ersetzt allerdings nicht die gemeinsame Untersuchung dessen, was geschehen ist.


Literatur

Eubanks, C. F., Muran, J. C., & Safran, J. D. (2018). Alliance rupture repair: A meta-analysis. Psychotherapy, 55(4), 508–519. Die Meta-Analyse untersuchte unter anderem 11 Studien mit 1.314 Patient:innen und fand einen moderaten Zusammenhang zwischen Rupture Resolution und positivem Therapieergebnis.

Flückiger, C., Del Re, A. C., Wampold, B. E., & Horvath, A. O. (2018). The alliance in adult psychotherapy: A meta-analytic synthesis. Psychotherapy, 55(4), 316–340. Die Analyse umfasste 295 unabhängige Studien mit mehr als 30.000 Patient:innen.

Babl, A., Gómez Penedo, J. M., Nimphy, C., et al. (2026). Alliance Ruptures and Psychotherapy Outcomes: A Multilevel Meta-Analysis of Their Association. Journal of Clinical Psychology. Die aktuelle Meta-Analyse fand einen kleinen negativen Zusammenhang zwischen direkt erfassten Allianzbrüchen und Therapieergebnissen.



 
 
bottom of page