top of page

ADHS oder Trauma? Warum die richtige Antwort manchmal „beides“ lautet

Autorenbild: Philipp Lioznov
Philipp Lioznov
vor 6 Stunden
10 Min. Lesezeit

Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Schwierigkeiten, Aufgaben zu beginnen, emotionale Überforderung, Vergesslichkeit oder das Gefühl, ständig „unter Strom“ zu stehen: Solche Beschwerden werden häufig mit ADHS in Verbindung gebracht.

Viele davon können jedoch auch bei Menschen auftreten, die über längere Zeit belastende oder traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Das führt zu einer Frage, die mir in der psychotherapeutischen und klinisch-psychologischen Arbeit immer wieder begegnet:

Ist das ADHS – oder ist es eine Folge von Trauma?

Die Frage ist sinnvoll. Problematisch wird sie erst, wenn wir davon ausgehen, dass nur eine der beiden Antworten richtig sein kann.

Denn ADHS und Traumafolgen können sich äußerlich ähneln. Sie können sich gegenseitig beeinflussen. Eine bereits vorhandene ADHS-Symptomatik kann unter chronischem Stress deutlicher werden. Und selbstverständlich kann ein Mensch sowohl ADHS als auch eine posttraumatische Belastungsstörung haben.

Eine große Studie mit 29.268 Erwachsenen, die 2026 veröffentlicht wurde, macht deutlich, wie komplex diese Zusammenhänge sind. Sie fand einen Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und späteren ADHS-Merkmalen. Sie zeigt aber gerade nicht, dass ADHS einfach durch Trauma verursacht wird.

Die klinisch interessantere Frage lautet deshalb häufig nicht:

„ADHS oder Trauma?“

Sondern:

Was passiert bei diesem konkreten Menschen – seit wann, in welchen Situationen und aus welchem Grund?

Warum ADHS und Traumafolgen ähnlich aussehen können

Diagnosen werden unter anderem anhand beobachtbarer und berichteter Symptome gestellt. Doch dass zwei Menschen dasselbe Symptom beschreiben, bedeutet nicht zwangsläufig, dass psychologisch dasselbe geschieht.

Nehmen wir einen einfachen Satz:

„Ich kann mich nicht konzentrieren.“

Bei einem Menschen mit ADHS kann Aufmerksamkeit stark von Interesse, unmittelbarer Belohnung, Neuigkeit und Aktivierungsniveau abhängen. Eine monotone Aufgabe ist kaum auszuhalten, während bei einem faszinierenden Thema stundenlange Konzentration möglich sein kann.

Ein traumatisierter Mensch kann ebenfalls Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren – aber aus einem anderen Grund. Ein Teil seiner Aufmerksamkeit ist möglicherweise damit beschäftigt, die Umgebung auf mögliche Gefahren zu überprüfen. Intrusionen können Aufmerksamkeit unterbrechen. Schlafprobleme können die Konzentration beeinträchtigen. In bestimmten Situationen kann es zu dissoziativen Zuständen kommen.

Von außen kann in beiden Fällen zunächst dasselbe sichtbar sein:

Die Person ist unaufmerksam.

Was innerlich geschieht, kann jedoch sehr unterschiedlich sein.

Das betrifft nicht nur Konzentration.

Sichtbares Problem

Bei ADHS kann eine Rolle spielen

Bei Traumafolgen kann eine Rolle spielen

Konzentrationsprobleme

Aufmerksamkeits- und Aktivierungsregulation

Hypervigilanz, Intrusionen, Dissoziation

Aufgaben nicht beginnen

Schwierigkeiten mit Initiierung und exekutiven Funktionen

Vermeidung, Angst, Freeze, Scham

innere Unruhe

Regulations- und Aktivierungsprobleme

anhaltende Alarmbereitschaft

„Wegdriften“

Aufmerksamkeitsfluktuation

dissoziative Zustände

emotionale Reaktivität

Schwierigkeiten der Emotionsregulation

Trigger und traumabezogene Reaktionen

Schlafprobleme

Regulations- und Rhythmusprobleme

Übererregung, Albträume, Angst

Diese Gegenüberstellung ist bewusst vereinfacht. Keines dieser Symptome beweist für sich genommen ADHS oder eine Traumafolgestörung.

Genau deshalb reicht eine Checkliste häufig nicht aus.


Was zeigt die neue Studie zu Kindheitsbelastungen und ADHS?

Hiroki Yamada und Kolleg:innen untersuchten 2026 Daten von 29.268 Erwachsenen aus Japan. Die Teilnehmenden berichteten über belastende Kindheitserfahrungen – sogenannte Adverse Childhood Experiences oder ACEs – sowie über aktuelle ADHS- und Autismusmerkmale.

Zu den erfassten Kindheitsbelastungen gehörten unter anderem emotionale, körperliche und sexuelle Gewalt, emotionale und körperliche Vernachlässigung, Gewalt im Haushalt, psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen in der Familie sowie Trennung der Eltern und die Inhaftierung eines Haushaltsmitglieds.

Die Forschenden teilten die Personen danach ein, ob sie keine, eine, zwei, drei oder mindestens vier solcher Belastungskategorien erlebt hatten.

Für ADHS wurde die Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS) verwendet.

Das ist für die Interpretation entscheidend:

Die Studie untersuchte ADHS-Merkmale und positive Screenings – keine klinisch gesicherten ADHS-Diagnosen.

Insgesamt erreichten 7,7 Prozent der Befragten den verwendeten Grenzwert des ADHS-Screenings. Mit zunehmender Anzahl berichteter Kindheitsbelastungen stieg auch die Wahrscheinlichkeit eines positiven Screenings.

Verglichen mit Personen ohne berichtete ACEs betrugen die adjustierten Odds Ratios:

Belastende Kindheitserfahrungen

Positives ADHS-Screening

0 ACEs

Referenz

1 ACE

aOR 1,15

2 ACEs

aOR 1,35

3 ACEs

aOR 1,53

≥ 4 ACEs

aOR 1,70

Bei vier oder mehr berichteten Belastungskategorien lagen die Odds für ein positives ADHS-Screening damit etwa 70 Prozent höher als bei Menschen ohne berichtete ACEs – auch nachdem verschiedene demografische, gesundheitliche und psychosoziale Faktoren statistisch berücksichtigt worden waren.

Wichtig ist auch hier die genaue Formulierung:

Das bedeutet nicht, dass 70 Prozent dieser Menschen ADHS hatten.

Eine Odds Ratio beschreibt ein Verhältnis statistischer Chancen zwischen Gruppen. Sie ist keine Aussage darüber, wie viele Menschen tatsächlich erkrankt waren.


Bedeutet das, dass Trauma ADHS verursacht?

Nein.

Und genau an diesem Punkt muss man mit solchen Studien vorsichtig sein.

Die Untersuchung ist eine Querschnittsstudie. Kindheitsbelastungen wurden rückblickend erfragt und aktuelle ADHS-Merkmale gleichzeitig erhoben. Damit können Zusammenhänge festgestellt werden – aber keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Die Autor:innen selbst nennen unter anderem das Querschnittsdesign, retrospektive Selbstauskünfte und die Verwendung von Screeningverfahren als Einschränkungen.

Aus:

Menschen mit mehr berichteten Kindheitsbelastungen zeigen häufiger ADHS-Merkmale

wird also nicht automatisch:

Kindheitsbelastungen verursachen ADHS.

Für den beobachteten Zusammenhang sind mehrere Erklärungen denkbar – und sie schließen einander nicht aus.


Möglichkeit 1: ADHS war schon vorher vorhanden

ADHS wird als neuroentwicklungsbezogene Störung verstanden. Die Symptome beginnen definitionsgemäß in der Entwicklung und entstehen nicht erst plötzlich im Erwachsenenalter.

Ein Kind mit ausgeprägter Impulsivität, emotionaler Reaktivität oder Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit und Selbstorganisation kann zugleich häufiger negative Reaktionen seiner Umwelt erfahren.

Es wird vielleicht ständig korrigiert:

„Pass doch endlich auf.“

„Warum vergisst du immer alles?“

„Du könntest es, wenn du dich nur anstrengen würdest.“

Es entstehen mehr Konflikte mit Eltern, Lehrkräften oder Gleichaltrigen. Manche Kinder werden häufiger ausgegrenzt, bestraft oder beschämt.

Damit ergibt sich eine wichtige Möglichkeit:

Nicht nur belastende Erfahrungen können spätere ADHS-ähnliche Symptome beeinflussen. Eine bereits vorhandene Neurodivergenz kann ihrerseits beeinflussen, welche Erfahrungen ein Kind mit seiner Umwelt macht.

Die neue Studie kann diese zeitlichen und kausalen Richtungen nicht auseinanderhalten.


Möglichkeit 2: Traumafolgen können wie einzelne ADHS-Symptome aussehen

Ein zweiter Mechanismus betrifft die diagnostische Überlappung.

Stellen wir uns einen Menschen vor, dessen Aufmerksamkeit ständig unbewusst auf mögliche Gefahr gerichtet ist.

Wer betritt den Raum?

Hat sich der Tonfall meines Gegenübers verändert?

Ist jemand wütend auf mich?

Habe ich etwas falsch gemacht?

Droht gleich ein Konflikt?

Ein solcher Mensch kann in einem Gespräch unaufmerksam wirken. Tatsächlich arbeitet seine Aufmerksamkeit möglicherweise sehr intensiv – nur an etwas anderem.

Er ist nicht unbedingt zu wenig aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit ist möglicherweise zu stark auf Bedrohung ausgerichtet.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Ähnliches gilt für das Aufschieben von Aufgaben.

Bei ADHS kann das Beginnen einer wenig stimulierenden, komplexen oder zeitlich weit entfernten Aufgabe besonders schwierig sein.

Bei einem anderen Menschen aktiviert dieselbe Aufgabe vielleicht etwas völlig anderes:

Versagensangst.

Scham.

Die Erwartung von Kritik.

Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

Oder eine körperliche Erstarrungsreaktion.

Beide sitzen schließlich vor dem Laptop und beginnen nicht.

Das sichtbare Verhalten ist ähnlich. Seine Funktion möglicherweise nicht.


Möglichkeit 3: Trauma kann vorhandene ADHS-Schwierigkeiten verstärken

Die beiden Ebenen müssen sich außerdem nicht gegenseitig ausschließen.

Ein Mensch kann bereits ADHS haben und später traumatische oder chronisch belastende Erfahrungen machen.

Schlafmangel, chronischer Stress, Angst, Hypervigilanz und emotionale Belastung beanspruchen Ressourcen, die ohnehin für Aufmerksamkeit und Selbstregulation benötigt werden.

Eine Person, die ihr ADHS unter stabilen Bedingungen vielleicht relativ gut kompensieren konnte, kann deshalb unter hoher Belastung deutlich größere Schwierigkeiten bekommen.

Dann ist die Frage nicht mehr:

„Was ist es – ADHS oder Trauma?“

Sondern:

„Wie beeinflussen sich beide Prozesse gegenseitig?“


Möglichkeit 4: ADHS und PTBS können tatsächlich gemeinsam auftreten

Das ist vielleicht die wichtigste Korrektur an der gesamten Entweder-oder-Debatte.

Ein Mensch kann schlicht beides haben.

Ein systematischer Review aus dem Jahr 2025 untersuchte die Forschung zur gemeinsamen Diagnose von ADHS und PTBS bei Erwachsenen. Von 818 identifizierten Arbeiten erfüllten 21 die Einschlusskriterien. Die Literatur zeigt, dass ADHS und PTBS gemeinsam auftreten können und dass diese Kombination für Diagnostik, Funktionsniveau und Behandlungsplanung relevant ist. Die Studien waren allerdings so unterschiedlich, dass die Autor:innen keine Meta-Analyse durchführten.

Damit wird ein verbreiteter diagnostischer Denkfehler sichtbar:

Wenn bei einem Menschen eine Traumageschichte entdeckt wird, bedeutet das nicht, dass eine zuvor vermutete ADHS damit „widerlegt“ ist.

Umgekehrt erklärt eine ADHS-Diagnose nicht automatisch sämtliche Schwierigkeiten eines Menschen.

Eine Diagnose sollte nicht die andere unsichtbar machen.


Nicht jedes ADHS-Symptom hing in der Studie gleich stark mit Kindheitsbelastungen zusammen

Ein Detail der neuen Studie finde ich besonders interessant.

Yamada und Kolleg:innen untersuchten nicht nur den gesamten ADHS-Screeningwert, sondern auch einzelne Symptome.

Eine hohe ACE-Belastung war unter anderem mit Schwierigkeiten bei der Organisation von Aufgaben, dem Aufschieben bzw. Vermeiden des Aufgabenbeginns und dem Gefühl verbunden, übermäßig aktiv oder „angetrieben“ zu sein.

Andere abgefragte Merkmale zeigten dagegen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit hoher ACE-Belastung.

Das unterstützt eine wichtige klinische Überlegung:

Trauma erzeugt nicht einfach pauschal „mehr ADHS“.

Bestimmte Schwierigkeiten scheinen stärker mit belastenden Erfahrungen zusammenzuhängen als andere.

Und das führt zurück zur Frage, die in einer guten Diagnostik besonders wichtig ist:

Nicht nur:

Welches Symptom ist vorhanden?

Sondern:

Wie genau sieht dieses Symptom bei diesem Menschen aus?


Seit wann besteht das Problem?

Für die Differentialdiagnostik ist die Entwicklungsgeschichte besonders wichtig.

Bei einer ADHS-Diagnostik interessiert deshalb nicht nur, wie ein Mensch heute funktioniert.

Wir wollen wissen:

Wie war Aufmerksamkeit in der Volksschule?

Wie funktionierten Hausaufgaben?

Gab es ausgeprägte Vergesslichkeit?

Wie war die Impulskontrolle?

Wie wurden langweilige und interessante Tätigkeiten bewältigt?

Gab es starke Schwankungen abhängig von Interesse und Struktur?

Was berichteten Eltern oder Lehrkräfte?

Was findet sich möglicherweise noch in Schulzeugnissen?

Gleichzeitig ist auch diese Rekonstruktion nicht so einfach, wie sie klingt.

Menschen erinnern ihre Kindheit nicht perfekt. Eltern können Schwierigkeiten übersehen oder anders interpretieren. Intelligente Kinder entwickeln teilweise früh Kompensationsstrategien. Mädchen können andere oder weniger auffällige Symptome zeigen. Und natürlich können belastende Erfahrungen bereits sehr früh begonnen haben.

Deshalb gibt es selten den einen biografischen Hinweis, der die gesamte Differentialdiagnose entscheidet.

Es geht um ein Muster über die Zeit.


In welchen Situationen tritt das Symptom auf?

Eine zweite wichtige Frage lautet:

Unter welchen Bedingungen wird das Problem stärker oder schwächer?

Bei ADHS können Aufmerksamkeit und Motivation beispielsweise stark davon abhängen, wie interessant, unmittelbar, neu oder stimulierend eine Aufgabe ist.

Bei Traumafolgen kann die Symptomatik stärker von Sicherheit und Bedrohung abhängen.

Vielleicht funktioniert Konzentration hervorragend, bis eine Autoritätsperson kritisch klingt.

Vielleicht kann jemand organisatorisch sehr viel leisten, solange niemand seine Arbeit bewertet.

Vielleicht tritt das „Wegdriften“ besonders bei Konflikten, Sexualität oder bestimmten körperlichen Empfindungen auf.

Vielleicht wird eine scheinbare Konzentrationsstörung plötzlich deutlich geringer, sobald sich ein Mensch sicher fühlt.

Solche Beobachtungen stellen noch keine Diagnose.

Aber sie liefern Informationen darüber, welcher Prozess hinter einem Symptom stehen könnte.


Was passiert unmittelbar vor dem Symptom?

Diese Frage halte ich psychotherapeutisch für besonders wertvoll.

Statt nur festzustellen:

„Ich prokrastiniere.“

kann man genauer untersuchen:

Was passiert in den Sekunden davor?

Vielleicht entsteht Langeweile.

Vielleicht schweift die Aufmerksamkeit zu etwas Interessanterem.

Vielleicht fühlt sich die Aufgabe so groß an, dass kein sinnvoller Einstieg repräsentiert werden kann.

Vielleicht taucht aber auch der Gedanke auf:

„Ich werde es sowieso falsch machen.“

Dann kommt Anspannung.

Dann Scham.

Dann der Impuls wegzugehen.

Dann Instagram.

Von außen sehen beide Prozesse nach Prokrastination aus.

Psychologisch erzählen sie möglicherweise zwei unterschiedliche Geschichten.


Ein Symptom ist noch keine Erklärung

Das ist vielleicht der wichtigste Gedanke dieses Artikels.

Psychiatrische und psychologische Begriffe können manchmal den Eindruck erzeugen, wir hätten etwas erklärt, obwohl wir es zunächst nur beschrieben haben.

Ein Mensch ist unaufmerksam.

Er erfüllt Kriterien für ADHS.

Das kann diagnostisch sehr wichtig sein.

Aber für die Behandlung interessiert zusätzlich:

Wie funktioniert seine Aufmerksamkeit?

Ein Mensch vermeidet bestimmte Situationen.

Er erfüllt Kriterien einer Traumafolgestörung.

Auch das kann diagnostisch wichtig sein.

Aber therapeutisch interessiert zusätzlich:

Was erwartet dieser Mensch, dass passieren wird, wenn er nicht vermeidet?

Eine gute Fallkonzeption geht deshalb über das bloße Abhaken von Symptomen hinaus.

Sie versucht, Entwicklung, aktuelle Lebensbedingungen, Beziehungserfahrungen, biologische Vulnerabilitäten, Schutzfaktoren und die individuelle Funktion eines Symptoms zusammenzudenken.


Und was ist mit Autismus?

Die neue Studie untersuchte neben ADHS auch Autismusmerkmale – und fand interessanterweise ein anderes Muster.

11,9 Prozent der Befragten überschritten den verwendeten Grenzwert des kurzen Autism-Spectrum Quotient.

Bei einer, zwei oder drei ACE-Kategorien fand sich nach statistischer Adjustierung kein signifikanter Zusammenhang mit einem positiven Autismus-Screening.

Erst bei vier oder mehr ACE-Kategorien zeigte sich eine signifikante Assoziation (aOR 1,29; 95%-Konfidenzintervall 1,11–1,49).

Auch daraus darf man nicht schließen, dass schwere Kindheitsbelastungen Autismus verursachen.

Die Autor:innen untersuchten selbstberichtete autistische Merkmale, keine klinisch diagnostizierten Autismus-Spektrum-Störungen. Zudem können autistische Menschen ihrerseits einem erhöhten Risiko für belastende Kindheitserfahrungen ausgesetzt sein. Die Querschnittsstudie kann die Richtung des Zusammenhangs nicht bestimmen.

Auch hier gilt daher:

Zusammenhang ist nicht dasselbe wie Ursache.


Warum eine falsche Einordnung therapeutisch relevant ist

Diese Diskussion ist nicht nur akademisch.

Denn unser Fallverständnis beeinflusst, welche Behandlung wir anbieten.

Wird eine vorhandene Neurodivergenz vollständig als Traumafolge interpretiert, kann Psychotherapie unbeabsichtigt zu einer weiteren Anpassungsforderung werden.

Der Mensch soll besser planen.

Regelmäßig Übungen durchführen.

Seinen Alltag strukturieren.

Reize besser regulieren.

Aufgaben zwischen den Sitzungen erledigen.

Und vielleicht entsteht irgendwann erneut die alte Erfahrung:

„Alle anderen schaffen das. Warum bekomme ich es nicht hin?“

Wenn relevante exekutive oder sensorische Voraussetzungen nicht berücksichtigt werden, kann Therapie dadurch sogar zusätzliche Scham erzeugen.


Und wenn Trauma übersehen wird?

Auch die andere Richtung hat Konsequenzen.

Ein Mensch erhält vielleicht eine nachvollziehbare ADHS-Diagnose. Medikation, Strukturierung und Psychoedukation helfen.

Und trotzdem bleibt etwas bestehen.

Bestimmte Beziehungen lösen enorme Angst aus.

Kritik führt innerhalb von Sekunden zu überwältigender Scham.

Nähe wird gleichzeitig gesucht und gefürchtet.

Bestimmte Situationen lösen körperliche Alarmreaktionen aus.

Es gibt Intrusionen, Albträume oder dissoziative Zustände.

Dann wäre es ebenso problematisch, sämtliche Schwierigkeiten mit ADHS erklären zu wollen.

Eine Diagnose kann richtig sein und trotzdem nicht die ganze Geschichte erzählen.


Was bedeutet das für die Behandlung?

Wenn tatsächlich ADHS und Traumafolgen gleichzeitig vorliegen, brauchen wir nicht unbedingt eine Entscheidung darüber, welche Diagnose „wichtiger“ ist.

Interessanter ist:

Was braucht dieser Mensch im Moment?

Manchmal verbessert eine passende ADHS-Behandlung die Voraussetzungen für Psychotherapie, weil Aufmerksamkeit, Organisation oder Selbststeuerung besser gelingen.

Manchmal müssen traumabezogene Reaktionen behandelt werden, weil Hypervigilanz, Vermeidung, Dissoziation oder Scham das Leben erheblich einschränken.

Und manchmal müssen beide Ebenen parallel berücksichtigt werden.

Dabei sollte auch der Behandlungserfolg nicht rückwirkend als einfacher Diagnosetest missverstanden werden.

Dass eine ADHS-Medikation hilft, beweist nicht automatisch, dass alle Schwierigkeiten ADHS-bedingt waren.

Dass Traumatherapie hilft, beweist ebenso wenig, dass zuvor diagnostiziertes ADHS „eigentlich nur Trauma“ gewesen sei.

Menschen sind komplexer als solche Entweder-oder-Erklärungen.


Dann brauchen wir eine bessere Frage

Die neue Studie mit fast 30.000 Erwachsenen ist deshalb interessant, weil sie etwas sichtbar macht, was klinisch leicht verloren geht:

Kindheitsbelastungen und neurodivergente Merkmale können miteinander verbunden sein, ohne dass das eine einfach das andere erklärt.

Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang. Sie zeigt keine einfache Kausalität. Und sie ersetzt selbstverständlich keine individuelle Diagnostik.

Für Betroffene könnte deshalb eine andere Frage hilfreicher sein als:

„Habe ich ADHS oder ist das alles mein Trauma?“

Nämlich:

„Welche Schwierigkeiten begleiten mich schon sehr lange? Welche verändern sich mit Sicherheit, Stress und Beziehungen? Welche Situationen lösen sie aus? Was passiert dabei in mir – und welche Unterstützung hilft mir tatsächlich?“

Manchmal führt eine sorgfältige Diagnostik zu ADHS.

Manchmal zu einer Traumafolgestörung.

Manchmal zu einer anderen Erklärung.

Und manchmal lautet die fachlich angemessenste Antwort:

beides.


Literatur

Yamada, H., Nakamura, T., Yoshizawa, T., Suzuki, K., Sasayama, D., Honda, H., Tabuchi, T. & Washizuka, S. (2026). Adverse childhood experiences and neurodevelopmental disorder traits: A nationwide cross-sectional study.Psychiatry and Clinical Neurosciences Reports, 5, e70397.


Magdi, H. M. et al. (2025). Attention-deficit/hyperactivity disorder and post-traumatic stress disorder adult comorbidity: a systematic review. Systematic Reviews, 14, 41.


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen fachlichen Information und ersetzt keine individuelle klinisch-psychologische oder psychiatrische Diagnostik.


 
 
bottom of page