Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Problem
- Philipp Lioznov
- vor 3 Stunden
- 9 Min. Lesezeit
Warum wir Einsamkeit nicht verstehen können, wenn wir nur auf den einzelnen Menschen schauen
Einsamkeit gehört zu den eigentümlichen menschlichen Erfahrungen, bei denen wir scheinbar sofort wissen, was gemeint ist. Bis wir versuchen, sie genauer zu beschreiben.
Ein Mensch kann allein leben und sich verbunden fühlen. Ein anderer kann einen Partner haben, jeden Tag Kolleg:innen sehen, am Wochenende Freunde treffen und sich trotzdem zutiefst einsam erleben.
Einsamkeit ist deshalb nicht dasselbe wie Alleinsein. Und sie ist auch nicht dasselbe wie soziale Isolation.
Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Einsamkeit als ein belastendes subjektives Erleben, das entsteht, wenn eine Diskrepanz zwischen den sozialen Beziehungen besteht, die ein Mensch hat, und jenen, die er braucht oder sich wünscht. Soziale Isolation bezeichnet dagegen zunächst einen objektiveren Zustand: wenige Beziehungen, Rollen oder soziale Kontakte. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Denn sie bedeutet, dass wir die Anzahl sozialer Kontakte eines Menschen kennen können, ohne zu wissen, ob er einsam ist. Die WHO geht in ihrem großen Bericht zur sozialen Verbundenheit von 2025 davon aus, dass weltweit ungefähr jeder sechste Mensch Einsamkeit erlebt. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind die Zahlen noch höher.
Man könnte daraus zunächst ein individuelles Problem formulieren: Menschen brauchen mehr Kontakte. Sie sollten Freundschaften pflegen, Vereinen beitreten, telefonieren, ihre sozialen Fähigkeiten verbessern oder therapeutische Hilfe suchen.
All das kann sinnvoll sein.
Und trotzdem greift es zu kurz.
Denn sobald wir Einsamkeit ausschließlich als Problem eines einzelnen Menschen verstehen, stellen wir eine bestimmte Frage:
Was stimmt mit diesem Menschen nicht, dass er sich einsam fühlt?
Vielleicht müssten wir häufiger eine andere stellen:
In welcher Welt lebt dieser Mensch und welche Formen von Beziehung ermöglicht diese Welt überhaupt?
Einsamkeit entsteht zwischen Menschen
Psychologie hat eine verständliche Neigung, psychisches Leiden im Individuum zu suchen.
Wir diagnostizieren Depressionen, untersuchen Bindungsmuster, messen soziale Ängstlichkeit, erfassen Selbstwert und betrachten dysfunktionale Gedanken. Das alles kann wichtig sein. Natürlich gibt es individuelle Bedingungen, die Einsamkeit wahrscheinlicher machen. Wer beispielsweise soziale Situationen aus Angst vermeidet, wird möglicherweise weniger Möglichkeiten für Nähe erleben. Wer früh gelernt hat, anderen Menschen nicht zu vertrauen, kann Beziehungen anders wahrnehmen und gestalten.
Aber Einsamkeit befindet sich nicht einfach irgendwo „in“ einem Menschen.
Sie entsteht in einem Verhältnis.
Ich kann mich nur deshalb ausgeschlossen fühlen, weil es etwas gibt, von dem ich ausgeschlossen bin. Ich kann jemanden nur vermissen, weil eine Beziehung zu diesem Menschen für mich Bedeutung besitzt. Ich kann mich nur unverstanden fühlen, weil ich die Möglichkeit kenne oder zumindest erahne, verstanden zu werden.
In diesem Sinne ist Einsamkeit ein zutiefst relationales Phänomen.
Sie erzählt nicht nur etwas über das Individuum, sondern auch über seine Beziehungen zur Welt.
Und diese Beziehungen entstehen wiederum nicht im luftleeren Raum.
Sie entstehen innerhalb von Familien, Schulen, Arbeitsplätzen, Städten, ökonomischen Bedingungen und kulturellen Vorstellungen davon, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat.
Unsere Gesellschaft individualisiert nicht nur Erfolg
In westlichen Gesellschaften ist eine bestimmte Vorstellung vom Menschen besonders wirkmächtig geworden: das autonome Individuum, das sein Leben selbst gestaltet.
Diese Vorstellung hat emanzipatorische Seiten. Menschen sind heute weniger selbstverständlich an bestimmte familiäre Rollen, Herkunftsmilieus oder Lebensentwürfe gebunden. Wir können Beziehungen verlassen, Berufe wechseln, umziehen und unsere Lebensweise stärker selbst bestimmen.
Aber Autonomie hat eine Kehrseite.
Wenn wir für unser Glück selbst verantwortlich sind, werden wir scheinbar auch für unser Unglück verantwortlich.
Das gilt für beruflichen Erfolg ebenso wie für Beziehungen.
Wer erfolgreich ist, hat an sich gearbeitet. Wer fit ist, besitzt Disziplin. Wer ein erfülltes Sozialleben hat, ist offen, interessant und sozial kompetent.
Und wer einsam ist?
Dem fehlt scheinbar etwas.
Vielleicht müsste er mehr rausgehen. Interessanter werden. Dating-Apps verwenden. An seinem Selbstwert arbeiten. Seine Komfortzone verlassen.
Damit geschieht etwas psychologisch Bemerkenswertes: Ein relationales und teilweise gesellschaftliches Problem wird in eine individuelle Aufgabe übersetzt.
Aus der Frage, warum Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, stabile Beziehungen und Zugehörigkeit zu erleben, wird die Frage:
Warum gelingt es dir nicht, Beziehungen aufzubauen?
Die Verantwortung wandert von den Bedingungen zum Individuum.
Man kann unter Menschen einsam sein
Gerade deshalb reicht es nicht, Einsamkeit anhand der Zahl sozialer Kontakte zu erklären.
Vielleicht besteht eine der schmerzhaftesten Formen von Einsamkeit sogar darin, nicht allein zu sein und sich trotzdem nicht verbunden zu fühlen.
Man sitzt beim Abendessen mit anderen Menschen und hat das Gefühl, nicht wirklich vorzukommen.
Man erzählt etwas und merkt, dass die eigene Erfahrung zwar gehört, aber nicht verstanden wird.
Man funktioniert in einer Beziehung, übernimmt Aufgaben, organisiert den Alltag, schläft im selben Bett und erlebt dennoch eine kaum beschreibbare Distanz.
Oder man verbringt den gesamten Arbeitstag in Videokonferenzen, beantwortet Nachrichten, reagiert auf Emojis und hat abends mit Dutzenden Menschen kommuniziert, ohne das Gefühl zu haben, jemandem wirklich begegnet zu sein.
Kontakt ist nicht automatisch Beziehung.
Und Beziehung ist nicht automatisch Verbundenheit.
Die WHO unterscheidet deshalb inzwischen ausdrücklich verschiedene Dimensionen sozialer Verbundenheit: die Struktur unserer Beziehungen, ihre Funktion und ihre Qualität. Es macht einen Unterschied, wie viele Menschen wir kennen, ob wir Unterstützung erhalten können und ob sich diese Beziehungen tatsächlich liebevoll, sicher und befriedigend anfühlen.
Vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems moderner Einsamkeit.
Wir verfügen über immer mehr Möglichkeiten des Kontakts.
Aber Kontakt allein beantwortet noch nicht die menschliche Frage nach Zugehörigkeit.
Einsamkeit ist auch eine Frage sozialer Bedingungen
Dass Einsamkeit nicht gleichmäßig verteilt ist, spricht ebenfalls gegen eine rein individualpsychologische Erklärung.
Nach den aktuellen Daten der WHO tritt Einsamkeit häufiger in Ländern mit niedrigem Einkommen auf. Sie betrifft außerdem bestimmte gesellschaftliche Gruppen überproportional. Chronische Erkrankungen, Behinderungen, Migration und Fluchterfahrungen, geringe Bildung und niedriges Einkommen können das Risiko sozialer Isolation und Einsamkeit erhöhen. Auch Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit, Trennung, Umzug, Pensionierung oder der Tod eines nahestehenden Menschen verändern soziale Welten teilweise grundlegend.
Das ist psychologisch wichtig.
Denn ein Mensch, der wenig Geld hat, lebt nicht einfach dieselbe soziale Welt wie ein Mensch mit finanzieller Sicherheit, aber nur mit weniger Geld.
Armut beeinflusst Mobilität. Freizeitmöglichkeiten. Wohnraum. Bildung. gesellschaftliche Teilhabe. Die Möglichkeit, Freunde in einem Café zu treffen, einem Hobby nachzugehen oder jemanden zu besuchen.
Auch Migration kann Beziehungen verändern. Nicht nur, weil vertraute Menschen geografisch weit entfernt sind. Sprache, kulturelle Codes und das Gefühl, gleichzeitig verschiedenen Welten anzugehören, können die Erfahrung von Zugehörigkeit komplizierter machen.
Wer aufgrund seiner Herkunft, sexuellen Orientierung, Behinderung oder anderer Merkmale wiederholt erlebt, nicht selbstverständlich dazuzugehören, erlebt möglicherweise nicht einfach einen Mangel an Kontakten.
Es kann ein Mangel an Orten entstehen, an denen man sich nicht erklären muss.
Die WHO bezeichnet die Bedingungen, unter denen Menschen geboren werden, aufwachsen, leben, arbeiten und altern, inzwischen ausdrücklich als wesentliche Determinanten von Gesundheit. Einkommen, Macht, Ressourcen und gesellschaftliche Zugehörigkeit beeinflussen nicht nur abstrakte Statistiken, sondern konkrete menschliche Lebensmöglichkeiten.
Einsamkeit kann deshalb auch eine soziale Position widerspiegeln.
Die gesundheitlichen Folgen sind real
Dabei wäre es falsch, Einsamkeit lediglich zu einem philosophischen oder gesellschaftspolitischen Begriff zu machen.
Sie hat messbare gesundheitliche Zusammenhänge.
Eine große Metaanalyse von 90 prospektiven Kohortenstudien mit mehr als zwei Millionen Teilnehmer:innen fand sowohl für soziale Isolation als auch für Einsamkeit einen Zusammenhang mit erhöhter Gesamtsterblichkeit.
Der Bericht der WHO Commission on Social Connection von 2025 fasst darüber hinaus umfangreiche Evidenz zu Zusammenhängen mit Depression, Angst, kardiovaskulären Erkrankungen und weiteren gesundheitlichen Problemen zusammen. Die WHO behandelt soziale Verbundenheit deshalb inzwischen ausdrücklich als Public-Health-Thema und nicht lediglich als Frage individuellen Wohlbefindens.
Solche Zahlen sind wichtig.
Gleichzeitig sollten wir vorsichtig damit umgehen.
Einsamkeit ist keine Krankheit im gleichen Sinne wie eine bakterielle Infektion. Und aus einem statistischen Zusammenhang lässt sich nicht ableiten, dass Einsamkeit bei jedem einzelnen Menschen unmittelbar eine bestimmte Erkrankung verursacht.
Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen können beispielsweise einsamer werden. Einsamkeit kann wiederum psychisches Leiden verstärken. Armut kann sowohl die Gesundheit als auch soziale Teilhabe beeinträchtigen. Viele dieser Prozesse beeinflussen sich gegenseitig.
Vielleicht ist deshalb weniger die Suche nach einer einzigen Ursache interessant als die Frage nach den Prozessen, durch die Einsamkeit entsteht, sich verändert und manchmal verfestigt.
Einsamkeit hat eine Geschichte
Niemand wird eines Morgens als einsamer Mensch geboren.
Einsamkeit entwickelt sich in der Zeit.
Manchmal beginnt sie mit einem Umzug.
Mit einer Trennung.
Mit dem Tod eines Menschen.
Mit dem Ende der Schule oder des Studiums.
Mit Arbeitslosigkeit.
Mit einer Erkrankung.
Mit Migration.
Oder viel früher: mit der wiederholten Erfahrung, anders zu sein, nicht verstanden zu werden oder in wichtigen Beziehungen keinen sicheren Platz zu finden.
Dabei verändert Einsamkeit möglicherweise nicht nur unser soziales Umfeld, sondern auch die Art, wie wir dieses Umfeld wahrnehmen.
Wer wiederholt Zurückweisung erlebt hat, kann mehrdeutige Situationen vorsichtiger interpretieren. Ein nicht beantworteter Anruf bekommt eine andere Bedeutung. Eine ausgebliebene Einladung fällt stärker auf. Man zieht sich vielleicht zurück, um weitere Enttäuschungen zu vermeiden.
Der Rückzug schützt kurzfristig.
Langfristig kann er genau jene Erfahrung verstärken, vor der er schützen sollte.
So entsteht ein Prozess.
Einsamkeit führt zu Rückzug. Rückzug reduziert Begegnungen. Weniger Begegnungen bestätigen das Gefühl, nicht dazuzugehören. Und aus einer vorübergehenden Erfahrung kann langsam eine Geschichte über die eigene Person werden:
Mit mir stimmt etwas nicht.
Andere brauchen mich nicht.
Ich gehöre nicht dazu.
An diesem Punkt ist Einsamkeit nicht mehr nur etwas, das ein Mensch erlebt.
Sie beginnt zu beeinflussen, wie er sich selbst und seine Beziehung zur Welt versteht.
Die Scham der Einsamkeit
Vielleicht erklärt das auch, warum Einsamkeit häufig verschwiegen wird.
Zu sagen „Ich bin allein“ beschreibt zunächst einen Zustand.
Zu sagen „Ich bin einsam“ kann sich dagegen wie ein Eingeständnis anfühlen.
Denn Einsamkeit berührt eine empfindliche kulturelle Frage: Wenn Beziehungen freiwillig sind: was bedeutet es dann, wenn scheinbar niemand freiwillig bei mir sein möchte?
Hier verbindet sich das soziale Problem mit dem Selbstwert.
Der einsame Mensch leidet dann nicht nur unter fehlender Verbundenheit.
Er leidet zusätzlich an der Bedeutung, die er dieser fehlenden Verbundenheit gibt.
Vielleicht bin ich langweilig.
Vielleicht bin ich schwierig.
Vielleicht bin ich nicht liebenswert.
Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn nun existiert neben der Einsamkeit noch etwas Zweites: die Scham über die eigene Einsamkeit.
Und Scham macht häufig genau das schwieriger, was helfen könnte – sich anderen Menschen zu zeigen.
Was kann Psychotherapie tun?
Psychotherapie kann Einsamkeit nicht dadurch behandeln, dass sie einem Menschen einfach mehr Freunde verschreibt.
Aber sie kann einen Raum schaffen, in dem die individuelle Geschichte der Einsamkeit verstanden wird.
Wann begann sie?
Welche Beziehungen fehlen tatsächlich?
Welche Beziehungen existieren, fühlen sich aber nicht erreichbar an?
Welche Erwartungen bestehen an Nähe?
Was geschieht, wenn ein anderer Mensch emotional wichtig wird?
Wie werden Zurückweisung, Distanz oder Ambivalenz wahrgenommen?
Welche früheren Erfahrungen werden in heutigen Beziehungen wieder lebendig?
Und vielleicht besonders wichtig:
Was bedeutet die eigene Einsamkeit für das Bild, das ein Mensch von sich selbst entwickelt hat?
Manchmal kann therapeutische Arbeit helfen, soziale Ängste oder Vermeidung zu verändern. Manchmal geht es um traumatische Beziehungserfahrungen. Manchmal um Depression. Manchmal darum, Bedürfnisse überhaupt erst wahrzunehmen und auszusprechen.
Und manchmal muss Therapie anerkennen, dass das Problem nicht vollständig im Therapieraum gelöst werden kann.
Psychotherapie kann Wohnraum nicht bezahlbar machen.
Sie kann keine Nachbarschaften schaffen.
Sie kann Diskriminierung nicht wegtherapieren.
Sie kann prekäre Arbeitsbedingungen nicht verändern.
Sie kann einem Menschen keine Gemeinschaft verschreiben, in der er selbstverständlich dazugehört.
Das anzuerkennen bedeutet nicht, Psychotherapie für unwirksam zu halten.
Es bedeutet, ihre Grenzen ernst zu nehmen.
Wir brauchen nicht nur resilientere Menschen
In der Psychologie sprechen wir viel über Resilienz.
Darüber, wie Menschen mit schwierigen Bedingungen besser umgehen können.
Das ist sinnvoll.
Aber vielleicht sollten wir gelegentlich auch die Bedingungen selbst betrachten.
Eine Gesellschaft kann nicht unbegrenzt soziale Strukturen abbauen, Arbeit flexibilisieren, öffentlichen Raum kommerzialisieren, Menschen zu Mobilität zwingen und gemeinschaftliche Institutionen schwächen – und anschließend ausschließlich den Einzelnen darin trainieren, mit den psychischen Folgen resilienter umzugehen.
Wenn Einsamkeit teilweise gesellschaftlich entsteht, braucht sie auch gesellschaftliche Antworten.
Orte, an denen Menschen sich begegnen können, ohne etwas konsumieren zu müssen.
Zeit für Beziehungen.
Nachbarschaften.
Vereine.
Gemeinschaftliche Räume.
Soziale Sicherheit.
Inklusive Schulen und Arbeitsplätze.
Städte, in denen Begegnung möglich ist.
Und vielleicht eine Kultur, in der Abhängigkeit voneinander nicht automatisch als Schwäche verstanden wird.
Dass die WHO inzwischen Regierungen ausdrücklich auffordert, soziale Verbundenheit auf Ebene von Politik, Gemeinden und öffentlichen Institutionen zu fördern, ist deshalb mehr als eine gesundheitspolitische Randnotiz. Es markiert einen Perspektivwechsel: Soziale Gesundheit wird zunehmend als gesellschaftliche Aufgabe verstanden.
Einsamkeit sagt etwas über uns aus – aber nicht nur über uns selbst
Ich glaube, der Fehler liegt darin, Einsamkeit entweder psychologisch oder gesellschaftlich erklären zu wollen.
Sie ist beides.
Sie ist zutiefst subjektiv und gleichzeitig sozial.
Biografisch und kulturell.
Gegenwärtig und historisch geworden.
Sie entsteht in einem einzelnen Menschen – aber niemals unabhängig von anderen Menschen.
Deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn wir einem einsamen Menschen ausschließlich sagen, er müsse an sich arbeiten.
Manchmal muss er das.
Manchmal braucht er Mut, wieder auf andere zuzugehen. Manchmal muss er alte Beziehungsmuster verstehen. Manchmal braucht er Psychotherapie.
Aber vielleicht braucht er ebenso eine Welt, in der Verbindung überhaupt möglich ist.
Einsamkeit ist dann nicht einfach ein Defizit, das beseitigt werden muss.
Sie kann auch als ein Signal verstanden werden.
Als schmerzhafter Hinweis darauf, dass etwas fehlt, das Menschen offenbar nicht beliebig ersetzen können: Zugehörigkeit, Resonanz, Bedeutung füreinander.
Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht nur:
Warum ist dieser Mensch einsam?
Sondern auch:
Welche Beziehungen und welche Gesellschaft müssten wir schaffen, damit Menschen sich zugehörig fühlen können?
Diese zweite Frage ist schwieriger.
Und gerade deshalb scheint sie mir die wichtigere.
Literatur
World Health Organization (2025). From loneliness to social connection: charting a path to healthier societies. Report of the WHO Commission on Social Connection. Geneva: WHO.
World Health Organization (2025). World report on social determinants of health equity. Geneva: WHO.
Wang, F., Gao, Y., Han, Z. et al. (2023). A systematic review and meta-analysis of 90 cohort studies of social isolation, loneliness and mortality. Nature Human Behaviour, 7, 1307–1319.
