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Wirkt Psychotherapie wirklich? Was mehr als 1.000 Studien zeigen

Autorenbild: Philipp Lioznov
Philipp Lioznov
19. Aug.
11 Min. Lesezeit

Wer überlegt, eine Psychotherapie zu beginnen, stellt sich früher oder später eine sehr einfache und zugleich berechtigte Frage:

Hilft Psychotherapie tatsächlich?

Oder beruht ihre Wirkung vor allem darauf, dass jemand zuhört? Ist Verhaltenstherapie besser als andere Verfahren? Wie groß sind die Chancen, dass sich Depression, Angst, Zwang oder eine posttraumatische Belastungsstörung tatsächlich verbessern? Und warum gibt es Menschen, die jahrelang in Therapie sind und trotzdem weiter leiden?

Die wissenschaftliche Antwort auf die erste Frage ist mittlerweile ziemlich eindeutig:

Ja, Psychotherapie wirkt.

Die interessantere Antwort beginnt allerdings erst danach.

Denn Psychotherapie wirkt nicht bei jedem Menschen gleich gut, nicht bei jedem psychischen Problem gleich stark und nicht jede Behandlung passt zu jedem Menschen.

Eine große, 2025 im renommierten Psychological Bulletin veröffentlichte Forschungsarbeit bietet einen ungewöhnlich umfassenden Blick auf diese Fragen: Mathias Harrer und Kolleg:innen analysierten 1.029 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 85.952 Patient:innen und verglichen die Wirksamkeit psychologischer Behandlungen bei zwölf verschiedenen psychischen Problembereichen.

Die Ergebnisse sind beeindruckend – und gleichzeitig differenzierter, als der Satz „Psychotherapie wirkt“ vermuten lässt.


Die kurze Antwort: Wie wirksam ist Psychotherapie?

Die untersuchten psychologischen Behandlungen zeigten bei allen zwölf untersuchten Problembereichen einen statistisch signifikanten positiven Effekt.

Die durchschnittlichen Effekte unterschieden sich allerdings deutlich:

Psychisches Problem

Effektstärke (Hedges' g)

Spezifische Phobien

1,25

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

1,18

Zwangsstörung

1,18

Soziale Angststörung

0,95

Generalisierte Angststörung

0,86

Panikstörung

0,83

Problematisches Glücksspiel

0,80

Depression

0,73

Anhaltende Trauerstörung

0,49

Borderline-Persönlichkeitsstörung

0,46

Suizidgedanken

0,34

Psychotische Störungen

0,32


Vereinfacht gesprochen gelten Werte um 0,2 häufig als kleine, um 0,5 als mittlere und ab etwa 0,8 als große Effekte.

Nach dieser groben Einteilung zeigten psychologische Behandlungen insbesondere bei Phobien, PTBS und Zwangsstörungen große durchschnittliche Effekte. Auch bei Depression, Panik sowie generalisierter und sozialer Angst waren die Ergebnisse deutlich.

Aber bevor man daraus ein Ranking psychischer Erkrankungen macht, müssen wir verstehen, was diese Zahlen überhaupt bedeuten.


Wie kann man überhaupt herausfinden, ob Psychotherapie wirkt?

Stellen wir uns 200 Menschen mit einer Angststörung vor.

100 erhalten eine bestimmte Psychotherapie.

Die anderen 100 kommen beispielsweise auf eine Warteliste oder erhalten die übliche Versorgung.

Anschließend wird untersucht:

Wie stark haben sich die Beschwerden in beiden Gruppen verändert?

Genau dafür sind randomisierte kontrollierte Studien – RCTs – besonders wichtig. Teilnehmer:innen werden zufällig verschiedenen Bedingungen zugeordnet. Dadurch soll verhindert werden, dass beispielsweise von vornherein motiviertere oder weniger schwer belastete Menschen in der Psychotherapiegruppe landen.

Eine einzelne Studie beantwortet unsere Frage allerdings nur begrenzt.

Vielleicht war die Stichprobe klein.

Vielleicht waren die Therapeut:innen besonders erfahren.

Vielleicht war die Kontrollgruppe ungewöhnlich.

Deshalb werden in einer Meta-Analyse viele Studien statistisch zusammengefasst.

Harrer und Kolleg:innen gingen noch einen Schritt weiter. Sie entwickelten mit Metapsy eine große Forschungsinfrastruktur, um Studien und Meta-Analysen zu verschiedenen psychischen Störungen mit einer möglichst einheitlichen Methodik auszuwerten. Ihre Analyse umfasst 1.029 Studien und fast 86.000 Patient:innen.

Das macht diese Arbeit für die Frage „Wirkt Psychotherapie?“ besonders interessant.


Was bedeutet eine Effektstärke von 1,18?

Statistische Effektstärken wirken zunächst abstrakt.

Ein Wert von g = 0 würde bedeuten, dass sich Psychotherapie- und Kontrollgruppe im Durchschnitt nicht unterscheiden.

Je größer der Wert darüber, desto stärker der Unterschied zugunsten der Behandlung.

Harrer und Kolleg:innen übersetzten ihre Ergebnisse zusätzlich in eine sogenannte Number Needed to Treat (NNT).

Sie beschreibt vereinfacht, wie viele Menschen behandelt werden müssen, damit eine Person zusätzlich gegenüber der Kontrollbedingung profitiert.

Bei PTBS, Zwang und spezifischen Phobien lagen diese Werte ungefähr zwischen 3 und 4.

Bei Depression, Glücksspiel, Panik sowie generalisierter und sozialer Angst ungefähr zwischen 4 und 5.

Bei den Problembereichen mit kleineren Effekten lagen sie höher.

Auch diese Zahlen sind aber keine persönliche Erfolgswahrscheinlichkeit.

Eine NNT von 3 bedeutet beispielsweise nicht, dass zwei von drei Menschen nichts von der Behandlung haben. Auch Menschen in Kontrollgruppen können sich verbessern, und Menschen in beiden Gruppen können unterschiedlich stark profitieren.

Statistik beschreibt Gruppen.

Eine einzelne Patientin ist keine statistische Durchschnittsperson.


Bei welchen psychischen Problemen wirkt Psychotherapie besonders gut?

Ein besonders interessanter Befund betrifft posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangsstörungen und spezifische Phobien.

Hier fanden sich die größten durchschnittlichen Effekte:

PTBS: g = 1,18

Zwangsstörung: g = 1,18

Spezifische Phobien: g = 1,25


Das mag zunächst überraschen.

Gerade Menschen mit PTBS oder Zwangsstörungen erleben ihre Symptome häufig als ausgesprochen hartnäckig.

Es gibt jedoch für diese Störungsbilder sehr spezifische psychotherapeutische Behandlungen.

Bei Zwangsstörungen spielen beispielsweise verhaltenstherapeutische Expositionsverfahren eine wichtige Rolle. Bei PTBS existieren verschiedene traumafokussierte Verfahren. Bei Phobien gehört die gezielte Konfrontation mit gefürchteten Situationen zu den besonders gut untersuchten Interventionen.

Das ist ein wichtiges Prinzip moderner Psychotherapie:

Nicht nur „Psychotherapie“ wirkt. Für bestimmte Probleme existieren spezifische Behandlungen, deren Wirksamkeit besonders gut untersucht ist.


Wie gut wirkt Psychotherapie bei Depression?

Depression ist mit Abstand der am intensivsten untersuchte Problembereich der großen Analyse.

Von den 1.029 eingeschlossenen Studien entfielen 460 randomisierte Studien auf Depression. Insgesamt enthielten die Depressionsstudien 43.771 Patient:innen.

Die durchschnittliche Effektstärke betrug:

g = 0,73.


Das entspricht einem deutlichen durchschnittlichen Vorteil psychologischer Behandlung gegenüber den jeweiligen Kontrollbedingungen.

Gleichzeitig zeigt Depression besonders gut, warum Psychotherapieforschung differenziert betrachtet werden muss.

„Depression“ bezeichnet keine vollkommen homogene Gruppe von Menschen.

Bei einer Person stehen vielleicht sozialer Rückzug und Inaktivität im Vordergrund.

Bei einer anderen massive Selbstkritik.

Bei einer dritten Verlust und Trauer.

Bei einer vierten chronischer Stress.

Bei einer fünften belastende Beziehungserfahrungen.

Bei einer weiteren treten Depression, Angst, ADHS oder Traumafolgesymptome gemeinsam auf.

Eine Diagnose hilft uns, bestimmte Muster zu erkennen und evidenzbasierte Behandlungen auszuwählen.

Sie ersetzt aber keine individuelle Fallkonzeption.


Und bei Angststörungen?

Auch hier sind die Ergebnisse ausgesprochen deutlich.

Die durchschnittlichen Effektstärken lagen bei:

Panikstörung: g = 0,83

Generalisierte Angststörung: g = 0,86

Soziale Angststörung: g = 0,95

Spezifische Phobien: g = 1,25


Gerade Angststörungen zeigen, wie wichtig Lernprozesse für psychische Probleme sein können.

Angst führt häufig zu Vermeidung.

Vermeidung reduziert kurzfristig Angst.

Genau dadurch kann das Gehirn jedoch nicht ausreichend lernen:

„Ich könnte diese Situation bewältigen.“

Psychotherapie kann deshalb manchmal zunächst unangenehm sein. Gute Behandlung bedeutet nicht zwangsläufig, dass man sich nach jeder Sitzung sofort besser fühlt.

Manchmal besteht Veränderung gerade darin, sich in einem sicheren therapeutischen Rahmen schrittweise Dingen zuzuwenden, die man bisher vermeiden musste.


Warum ist die Effektstärke bei Borderline kleiner?

Hier könnte man die Zahlen leicht falsch interpretieren.

Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung lag der durchschnittliche Effekt bei g = 0,46 und damit deutlich niedriger als beispielsweise für PTBS oder Phobien.

Das bedeutet nicht:

„Psychotherapie hilft bei Borderline kaum.“

Die Behandlungen unterscheiden sich unter anderem erheblich in ihrer Dauer und ihren Zielen.

Die Borderline-Studien in dieser Analyse umfassten durchschnittlich 48,5 Sitzungen. Bei Depression waren es beispielsweise durchschnittlich 8,9 Sitzungen. Auch bei psychotischen Störungen waren Behandlungen mit durchschnittlich 28 Sitzungen länger.

Bei komplexeren Störungsbildern geht es häufig nicht nur darum, ein isoliertes Symptom zu reduzieren.

Emotionsregulation, Selbstbild, Impulsivität, Beziehungen, Identität und wiederkehrende Krisen können gleichzeitig relevant sein.

Deshalb darf eine Effektstärke nicht mit der Vorstellung verwechselt werden:

„Diese Erkrankung ist doppelt so gut behandelbar wie jene.“

Das lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten.


Ist Verhaltenstherapie die wirksamste Psychotherapie?

Diese Frage wird häufig gestellt.

Die Verhaltenstherapie beziehungsweise Cognitive Behavioral Therapy (CBT) gehört zu den mit Abstand am intensivsten untersuchten Psychotherapieformen.

Für Depression, Angststörungen, PTBS und Zwangsstörungen existiert umfangreiche Evidenz. Gleichzeitig umfasst CBT selbst sehr unterschiedliche Behandlungen – von störungsspezifischen Verfahren über traumafokussierte Ansätze bis hin zu sogenannten Third-Wave-Verfahren.

Aber daraus folgt nicht automatisch:

„CBT ist grundsätzlich besser als jede andere Psychotherapie.“

Auch für psychodynamische Psychotherapie, interpersonelle Psychotherapie, supportive Therapie und andere psychotherapeutische Ansätze existiert Wirksamkeitsevidenz. Die Autoren weisen darauf hin, dass bereits für Depression positive meta-analytische Ergebnisse für mehr als ein Dutzend Therapieformen vorliegen.

Das führt zu einer wichtigen Unterscheidung:

„Diese Therapie ist besonders gut untersucht“ und „diese Therapie ist allen anderen überlegen“ sind zwei unterschiedliche Aussagen.


Warum die Kontrollgruppe so wichtig ist

Hier wird Psychotherapieforschung besonders interessant.

Nehmen wir an, eine neue Therapie wird mit einer Warteliste verglichen.

Die erste Gruppe bekommt zehn Wochen Psychotherapie.

Die zweite wartet zehn Wochen.

Wenn es der Therapiegruppe danach besser geht, ist das ein wichtiger Befund.

Aber was genau hat geholfen?

Die spezifische Methode?

Regelmäßige Gespräche?

Die therapeutische Beziehung?

Die Hoffnung auf Veränderung?

Struktur?

Aktivierung?

Oder eine Kombination daraus?

Noch anspruchsvoller ist deshalb die Frage:

Ist Therapie A besser als eine andere gute Therapie B?

Harrer und Kolleg:innen weisen ausdrücklich darauf hin, dass Wartelisten den gemessenen Psychotherapieeffekt gegenüber Vergleichen mit der üblichen Versorgung überschätzen können.

Das ist auch der Grund, warum spektakuläre Aussagen wie

„Methode X hat eine enorme Effektstärke“

mit Vorsicht gelesen werden sollten.

Die nächste Frage sollte immer lauten:

Im Vergleich womit?


Bedeutet die Forschung, dass Psychotherapie bei jedem funktioniert?

Nein.

Und dieser Punkt ist mir besonders wichtig.

Die 1.029 Studien zeigen durchschnittliche Effekte.

Menschen reagieren jedoch unterschiedlich auf Behandlung.

Die Forscher fanden bei allen untersuchten Problembereichen eine relevante Streuung der tatsächlichen Effekte zwischen den Studien. Bei elf der zwölf Problembereiche – mit Ausnahme der Zwangsstörung – umfassten die statistischen 95%-Vorhersageintervalle sogar null. Das bedeutet nicht, dass Psychotherapie insgesamt unwirksam wäre. Es bedeutet, dass die Ergebnisse je nach Studie und Kontext deutlich variieren und zukünftige Studien unter bestimmten Bedingungen auch keinen Vorteil oder ungünstige Ergebnisse finden könnten.

Das ist eine wichtige Korrektur einer häufigen Vorstellung von „evidenzbasierter Psychotherapie“.

Wissenschaft sagt nicht:

„Diese Behandlung funktioniert bei jedem.“

Sie sagt eher:

„Bei vergleichbaren Gruppen von Menschen erhöht diese Behandlung im Durchschnitt die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung.“

Das ist ein großer Unterschied.


Warum hilft eine Therapie einem Menschen – und einem anderen weniger?

Darauf gibt es keine einzelne Antwort.

Eine Diagnose allein sagt noch relativ wenig darüber aus, wie zwei Menschen ihre Erkrankung erleben.

Zwei Patient:innen können beide eine soziale Angststörung haben.

Die eine fürchtet vor allem sichtbare körperliche Symptome.

Der andere erwartet Ablehnung und Beschämung.

Bei einer Person besteht die Angst seit der Kindheit.

Bei der anderen begann sie nach einer konkreten demütigenden Erfahrung.

Eine vermeidet soziale Situationen vollständig.

Die andere funktioniert beruflich hervorragend und leidet innerlich massiv.

Dazu kommen Persönlichkeit, Lebenssituation, Beziehungen, körperliche Gesundheit, Motivation, bisherige Erfahrungen mit Therapie und zahlreiche weitere Faktoren.

Deshalb endet die große Studie auch mit einer Frage, die ich für die Zukunft der Psychotherapie besonders wichtig finde:

„What works for whom?“ – Was wirkt für wen?

Die Autor:innen betrachten genau diese Frage als einen wichtigen nächsten Schritt der Psychotherapieforschung.


Wie viele Sitzungen braucht Psychotherapie?

Auch darauf gibt es keine seriöse allgemeine Zahl.

Die durchschnittliche Behandlungsdauer unterschied sich in den untersuchten Studien erheblich.

Bei spezifischen Phobien waren es im Durchschnitt nur etwa 3,8 Sitzungen.

Bei Depression etwa 8,9.

Bei Panikstörungen etwa 9,3.

Bei generalisierter Angst etwa 11.

Bei PTBS etwa 8,2.

Bei psychotischen Störungen etwa 28.

Und bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen etwa 48,5 Sitzungen.

Diese Zahlen sind keine Empfehlung für die individuelle Therapiedauer.

Sie beschreiben lediglich die in den eingeschlossenen Forschungsstudien untersuchten Behandlungen.

Trotzdem zeigen sie etwas Wichtiges:

Die Frage

„Wie lange dauert Psychotherapie?“

ist ungefähr so unspezifisch wie die Frage:

„Wie lange dauert eine medizinische Behandlung?“

Es hängt davon ab, was behandelt wird, wie schwer und komplex die Beschwerden sind, welche Ziele bestehen und welches Verfahren eingesetzt wird.


Wirkt Psychotherapie nur in westlichen Ländern?

Das ist eine weitere interessante Frage der Studie.

Psychotherapie und Psychotherapieforschung haben historisch eine starke westliche Prägung.

Tatsächlich stammten weiterhin 83,4 bis 86,1 Prozent der verfügbaren Evidenz aus westlichen beziehungsweise einkommensstarken Ländern.

Das ist eine relevante Einschränkung unserer Wissensbasis.

Gleichzeitig wächst die Forschung in anderen Weltregionen stark. Die Autoren fanden in ihrer Analyse keinen Hinweis darauf, dass Psychotherapie in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen oder in nicht-westlichen Kulturen grundsätzlich weniger wirksam wäre.

Das bedeutet nicht, dass kultureller Kontext unwichtig ist.

Im Gegenteil.

Vorstellungen von Familie, Autonomie, Scham, Krankheit, Geschlechterrollen, Religion, Beziehung und psychischer Gesundheit können sich erheblich unterscheiden.

Eine evidenzbasierte Psychotherapie sollte deshalb nicht nur fragen:

„Welche Methode hat Evidenz?“

Sondern auch:

„Wie muss diese Behandlung für diesen Menschen und seinen sozialen und kulturellen Kontext verstanden und umgesetzt werden?“


Was heißt eigentlich „evidenzbasierte Psychotherapie“?

Der Begriff wird manchmal missverstanden.

Evidenzbasiert zu arbeiten bedeutet nicht, ein Manual aufzuschlagen und bei jedem Menschen mit derselben Diagnose dieselben zehn Schritte durchzuführen.

Wissenschaftliche Forschung ist eine wichtige Säule.

Aber die durchschnittliche Effektstärke einer Behandlung kann mir nicht vollständig sagen, was ich am Dienstag um 14 Uhr mit dem konkreten Menschen vor mir tun sollte.

Dafür brauche ich zusätzlich klinische Informationen:

Was belastet diese Person?

Wie sind die Beschwerden entstanden?

Was hält sie heute aufrecht?

Welche Ressourcen gibt es?

Welche früheren Behandlungen haben geholfen oder nicht geholfen?

Welche Beziehungsmuster spielen eine Rolle?

Welche Ziele hat die Person selbst?

Und wie verändert sich die Behandlung im Verlauf?

Evidenz sollte klinisches Denken informieren – nicht ersetzen.


Ist die therapeutische Beziehung wichtig?

Auch diese Frage wird manchmal unnötig als Gegensatz formuliert:

„Wirkt die Methode oder wirkt die Beziehung?“

Eine gute Psychotherapie braucht beides nicht gegeneinander auszuspielen.

Methoden können wichtig sein.

Bei einer Zwangsstörung wäre es beispielsweise problematisch, eine nachweislich wirksame Expositionsbehandlung aus Angst vor kurzfristiger Belastung grundsätzlich zu vermeiden.

Genauso wäre es problematisch, eine technisch korrekte Intervention durchzuführen, ohne ausreichend zu verstehen, ob der Patient sie nachvollziehen kann, ihr zustimmt und sich in der therapeutischen Beziehung sicher genug fühlt, um sich auf sie einzulassen.

Psychotherapie ist keine Medikamententablette, deren Wirkstoff unabhängig von der Beziehung zwischen zwei Menschen eingenommen wird.

Sie ist eine Behandlung, die innerhalb einer menschlichen Beziehung durchgeführt wird.

Das bedeutet nicht, dass Beziehung allein immer genügt.

Aber auch die beste Methode muss von einem Menschen mit einem anderen Menschen umgesetzt werden.


Warum kann Psychotherapie anstrengend sein, obwohl sie wirkt?

Auch hier besteht ein häufiges Missverständnis.

Wirksamkeit bedeutet nicht:

„Nach jeder Sitzung fühle ich mich besser.“

Eine Exposition kann kurzfristig Angst auslösen.

Traumatherapie kann belastende Erinnerungen aktivieren.

Das Setzen einer Grenze kann zunächst Schuldgefühle verstärken.

Wenn jemand beginnt, jahrelange Vermeidung aufzugeben, kann er vorübergehend mehr von den Gefühlen wahrnehmen, die er bisher vermeiden musste.

Und manchmal entsteht in Therapie Trauer darüber, was im eigenen Leben gefehlt hat oder nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Deshalb sollte therapeutischer Fortschritt nicht ausschließlich daran gemessen werden:

„Wie gut fühle ich mich unmittelbar nach der Sitzung?“

Interessanter sind Veränderungen über die Zeit.


Wie merke ich, ob meine Psychotherapie funktioniert?

Es gibt keine perfekte Checkliste.

Aber nach einiger Zeit sollte sich zumindest in bestimmten Bereichen etwas bewegen.

Vielleicht treten Panikattacken seltener auf.

Vielleicht sind sie noch da, bestimmen aber weniger das Verhalten.

Vielleicht werden Situationen wieder möglich, die lange vermieden wurden.

Vielleicht verbessert sich der Schlaf.

Vielleicht kann man Gefühle früher erkennen.

Vielleicht gelingt es, Grenzen zu setzen.

Vielleicht werden Beziehungen stabiler.

Vielleicht verliert eine traumatische Erinnerung ihre unmittelbare körperliche Macht.

Oder man versteht nicht nur besser, warum man bestimmte Dinge tut, sondern kann tatsächlich anders handeln und erleben.

Gerade bei längeren Therapien finde ich deshalb eine wiederkehrende Frage sinnvoll:

„Was hat sich seit Beginn der Therapie konkret verändert?“

Wenn über lange Zeit überhaupt keine Veränderung erkennbar ist, sollte das gemeinsam thematisiert werden.

Nicht als Schuldfrage.

Sondern als klinische Information.

Vielleicht muss das Therapieziel präzisiert werden.

Vielleicht stimmt die Fallkonzeption nicht.

Vielleicht passt eine Methode nicht.

Vielleicht wird etwas Wichtiges vermieden.

Oder vielleicht braucht es eine andere Form der Behandlung.


Die wichtigste Zahl gilt nicht für den einzelnen Menschen

Eine Studie mit fast 86.000 Patient:innen kann uns etwas beantworten, was eine einzelne therapeutische Erfahrung niemals beantworten könnte:

Funktioniert Psychotherapie insgesamt?

Die Antwort lautet überzeugend:

Ja.

Psychologische Behandlungen zeigten in der großen Analyse bei allen zwölf untersuchten Problembereichen einen positiven durchschnittlichen Effekt.

Aber selbst 85.952 Patient:innen können eine andere Frage nicht vollständig beantworten:

Welche Therapie braucht dieser eine Mensch, der gerade vor mir sitzt?

Dafür braucht es mehr.

Diagnostik.

Fallkonzeption.

Wissenschaftliche Evidenz.

Therapeutische Erfahrung.

Eine tragfähige Beziehung.

Und die Bereitschaft, immer wieder zu überprüfen, ob das, was wir gemeinsam tun, tatsächlich hilft.


Fazit: Psychotherapie wirkt – aber das ist erst der Anfang der Frage

Die Psychotherapieforschung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm entwickelt.

Die große Analyse von Harrer und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 umfasst 1.029 randomisierte Studien mit 85.952 Patient:innen. Für alle zwölf untersuchten psychischen Problembereiche fanden sich signifikante positive Effekte psychologischer Behandlung. Besonders große durchschnittliche Effekte zeigten sich bei spezifischen Phobien, PTBS und Zwangsstörungen; deutliche Effekte unter anderem auch bei Depression und verschiedenen Angststörungen.

Gleichzeitig zeigt dieselbe Forschung, warum einfache Aussagen über Psychotherapie problematisch sind.

Effektstärken unterscheiden sich.

Kontrollgruppen unterscheiden sich.

Behandlungen unterscheiden sich.

Störungen unterscheiden sich.

Und vor allem:

Menschen unterscheiden sich.

Die entscheidende Frage moderner Psychotherapie lautet deshalb für mich nicht mehr nur:

„Wirkt Psychotherapie?“

Dafür haben wir mittlerweile eine sehr gute wissenschaftliche Antwort.

Die anspruchsvollere Frage lautet:

„Was wirkt – für wen, bei welchem Problem, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen?“

Und genau dort beginnt gute individuelle Psychotherapie.


Häufige Fragen zur Wirksamkeit von Psychotherapie

Ist wissenschaftlich bewiesen, dass Psychotherapie wirkt?

Es gibt eine umfangreiche Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien und Meta-Analysen. Die große Synthese von Harrer et al. fand bei allen zwölf untersuchten psychischen Problembereichen positive durchschnittliche Behandlungseffekte.

Bei welchen psychischen Erkrankungen wirkt Psychotherapie besonders gut?

In dieser Analyse fanden sich die größten durchschnittlichen Effekte bei spezifischen Phobien, PTBS und Zwangsstörungen. Das sollte jedoch nicht als einfache Rangliste der „Behandelbarkeit“ verschiedener Erkrankungen interpretiert werden.

Wie lange dauert es, bis Psychotherapie wirkt?

Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Die durchschnittliche Zahl der Sitzungen in den untersuchten Studien reichte beispielsweise von 3,8 bei spezifischen Phobien bis zu 48,5 bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Diese Zahlen sind Studiendaten und keine individuellen Behandlungsempfehlungen.

Ist Verhaltenstherapie besser als andere Therapieformen?

Verhaltenstherapeutische Verfahren gehören zu den am intensivsten untersuchten Behandlungen und besitzen für zahlreiche Störungen eine starke Evidenzbasis. Die Tatsache, dass ein Verfahren besonders intensiv untersucht wurde, beweist jedoch nicht automatisch seine generelle Überlegenheit gegenüber allen anderen Psychotherapieformen. Auch für andere Verfahren besteht Wirksamkeitsevidenz.

Kann Psychotherapie auch nicht funktionieren?

Ja. Positive Durchschnittseffekte sind keine Erfolgsgarantie für den einzelnen Menschen. Die Ergebnisse zwischen Studien und Patientengruppen variieren. Deshalb sollte im Verlauf überprüft werden, ob eine Behandlung tatsächlich zu relevanten Veränderungen führt.


Literatur

Harrer, M., Miguel, C., van Ballegooijen, W., Ciharova, M., Plessen, C. Y., Kuper, P., et al. (2025). Effectiveness of Psychotherapy: Synthesis of a “Meta-Analytic Research Domain” Across World Regions and 12 Mental Health Problems.Psychological Bulletin, 151(5), 600–667. DOI: 10.1037/bul0000465.



 
 
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