Warum Achtsamkeit nicht für jeden funktioniert
Achtsamkeit gilt heute fast als universelles psychologisches Heilmittel.
Bei Stress: Achtsamkeit.Bei Angst: Achtsamkeit.Bei Depression: Achtsamkeit.Bei Trauma: Achtsamkeit.Bei Schlafproblemen: meditieren.
Und tatsächlich gibt es gute Gründe, warum achtsamkeitsbasierte Verfahren in der Psychotherapie so verbreitet sind. Für verschiedene psychische Beschwerden gibt es wissenschaftliche Hinweise auf ihre Wirksamkeit.
Aber was passiert, wenn man sich hinsetzt, den Atem beobachtet – und sich danach nicht ruhiger, sondern angespannter fühlt?
Wenn die Aufforderung, nach innen zu spüren, plötzlich Angst auslöst?
Wenn aus:
„Beobachte deine Gedanken, ohne sie zu bewerten“
innerlich wird:
„Mache ich das richtig? Warum kann ich meine Gedanken nicht loslassen? Warum funktioniert das bei allen außer bei mir?“
Eine aktuelle Studie von Mehdi Akbari und Mohammad Seydavi aus dem Jahr 2025 hat sich genau mit Menschen beschäftigt, die von standardisierten achtsamkeitsbasierten Interventionen nicht ausreichend profitiert hatten. Untersucht wurden 194 klinische Teilnehmer:innen mit unterschiedlichen psychiatrischen Diagnosen. Die Forscher identifizierten fünf miteinander verbundene Prozesse, die erklären können, warum Achtsamkeit bei manchen Menschen nicht die gewünschte Wirkung entfaltet (Akbari & Seydavi, 2025).
Die wichtigste Botschaft der Studie ist dabei nicht:
Achtsamkeit funktioniert nicht.
Sondern:
Eine psychologische Methode kann hilfreich sein – und trotzdem nicht für jeden Menschen, zu jedem Zeitpunkt und in derselben Form geeignet sein.
Kurz gesagt: Warum kann Achtsamkeit manchmal nicht helfen?
Achtsamkeit bedeutet vereinfacht, gegenwärtige Erfahrungen bewusster wahrzunehmen, ohne sofort auf sie reagieren oder sie bewerten zu müssen.
Das kann hilfreich sein.
Aber genau diese Hinwendung zum eigenen Erleben kann bei manchen Menschen mit bereits bestehenden psychischen Strategien kollidieren.
Akbari und Seydavi fanden bei Menschen, die auf achtsamkeitsbasierte Interventionen nicht ausreichend angesprochen hatten, fünf miteinander verknüpfte Themen:
kognitive Rigidität und angestrengte Kontrolle, emotionale Vermeidung und Angst vor innerer Exposition, Erschöpfung durch Meta-Awareness, kontextuelle Entfremdung und relationales Misstrauen sowie Identitätsbedrohung mit selbstkritischem Widerstand (Akbari & Seydavi, 2025).
Diese Begriffe klingen zunächst kompliziert.
Im Alltag können sie erstaunlich vertraut aussehen.
1. Wenn Achtsamkeit zur Leistungsaufgabe wird
Eine grundlegende Idee von Achtsamkeit besteht darin, das eigene Erleben wahrzunehmen, ohne es ständig verändern zu müssen.
Doch manche Menschen machen daraus unwillkürlich eine neue Aufgabe:
„Ich muss jetzt achtsam sein.“
Dann beginnt die Kontrolle.
Bin ich konzentriert genug?
Atme ich richtig?
Warum denke ich schon wieder?
Warum kann ich nicht loslassen?
Bin ich überhaupt im Moment?
Jetzt habe ich schon wieder bewertet, obwohl ich nicht bewerten soll.
Und plötzlich entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch:
Man versucht angestrengt, nicht angestrengt zu sein.
Akbari und Seydavi beschreiben diesen Prozess als cognitive rigidity and effortful control. Gerade bei Menschen, die stark über Kontrolle funktionieren, kann eine Achtsamkeitsübung in eine weitere leistungsorientierte Aufgabe verwandelt werden (Akbari & Seydavi, 2025).
Das Problem liegt dann nicht unbedingt in der Idee der Achtsamkeit.
Es liegt darin, wie das bestehende psychische System mit der Übung umgeht.
Das Paradox der „richtigen“ Achtsamkeit
Dieses Phänomen begegnet uns auch außerhalb der Meditation.
Jemand möchte unbedingt einschlafen und kontrolliert ständig:
„Schlafe ich schon?“
Dadurch wird er wacher.
Jemand möchte beim Sex unbedingt entspannen und beobachtet:
„Bin ich entspannt genug?“
Dadurch entsteht Anspannung.
Jemand möchte spontan sein und fragt sich:
„Bin ich gerade spontan?“
Die Selbstbeobachtung beginnt genau den Zustand zu verhindern, den sie herstellen soll.
Etwas Ähnliches kann bei Achtsamkeit passieren.
Aus einer Haltung des Wahrnehmens wird eine Technik der Selbstoptimierung.
Und aus:
„Was ist gerade da?“
wird:
„Bin ich schon so, wie ich sein sollte?“
2. Warum Meditation manchmal Angst auslösen kann
Eine typische Achtsamkeitsübung lautet:
Schließe die Augen.
Richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem.
Nimm deinen Körper wahr.
Beobachte, was auftaucht.
Für manche Menschen ist das angenehm.
Für andere überhaupt nicht.
Denn nach innen zu gehen bedeutet nicht automatisch, etwas Beruhigendes zu finden.
Vielleicht wird plötzlich das Herz sehr deutlich wahrgenommen.
Die Enge im Brustkorb.
Unruhe im Bauch.
Gedanken, die bisher durch Aktivität auf Abstand gehalten wurden.
Traurigkeit.
Angst.
Erinnerungen.
Oder ein diffuses Gefühl von Gefahr.
Akbari und Seydavi bezeichnen ein zweites zentrales Thema deshalb als emotional avoidance and fear of exposure – emotionale Vermeidung und Angst davor, inneren Erfahrungen ausgesetzt zu sein (Akbari & Seydavi, 2025).
Das ist psychotherapeutisch ausgesprochen wichtig.
Denn die Aufforderung
„Spüre einfach in deinen Körper hinein“
ist nicht für jeden Menschen neutral.
Achtsamkeit und Trauma: Wenn nach innen schauen nicht beruhigt
Gerade nach belastenden oder traumatischen Erfahrungen können Körperempfindungen selbst mit Gefahr verbunden sein.
Herzklopfen.
Muskelspannung.
Druck im Brustkorb.
Bestimmte Körperregionen.
Das Gefühl von Erstarrung.
Oder eine bestimmte Form von innerer Leere.
Dann kann eine intensive Fokussierung auf den Körper etwas aktivieren, das eine Person bisher aus gutem Grund nicht lange wahrgenommen hat.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit Traumafolgestörungen grundsätzlich nicht meditieren oder achtsamkeitsbasiert arbeiten sollten.
Eine solche Schlussfolgerung würde die Forschung nicht rechtfertigen.
Aber es bedeutet:
Nach innen gerichtete Aufmerksamkeit ist nicht automatisch dasselbe wie Sicherheit.
Und wenn eine Übung starke Angst, Überflutung oder Dissoziation auslöst, sollte die therapeutische Antwort nicht einfach lauten:
„Du musst lernen, es auszuhalten.“
Zunächst sollte verstanden werden, was gerade geschieht.
3. Wenn Selbstbeobachtung erschöpft
Achtsamkeit beinhaltet häufig eine Form von Meta-Awareness.
Ich denke nicht nur.
Ich bemerke:
„Da ist ein Gedanke.“
Ich bin nicht nur ängstlich.
Ich bemerke:
„Da ist Angst.“
Diese Fähigkeit kann ausgesprochen hilfreich sein.
Sie schafft Abstand zwischen einer Erfahrung und der unmittelbaren Reaktion darauf.
Aber auch hier kann etwas kippen.
Was passiert, wenn ein Mensch ohnehin bereits den ganzen Tag damit beschäftigt ist, sich selbst zu überwachen?
Wie wirke ich?
Was fühle ich?
Warum fühle ich das?
Ist meine Reaktion normal?
Denke ich zu viel?
Bin ich gerade authentisch?
Was denken die anderen über mich?
Dann kann die zusätzliche Aufforderung zur permanenten Selbstbeobachtung zu einer weiteren Belastung werden.
Akbari und Seydavi beschreiben dies als meta-awareness fatigue – eine Form von Erschöpfung, die mit anstrengender Selbstbeobachtung verbunden sein kann (Akbari & Seydavi, 2025).
Das ist eine wichtige Unterscheidung:
Achtsames Wahrnehmen ist nicht dasselbe wie permanentes psychologisches Monitoring.
Beobachten oder kontrollieren?
Von außen können beide Prozesse ähnlich aussehen.
Eine Person beobachtet ihre Gedanken.
Aber innerlich kann etwas völlig Unterschiedliches stattfinden.
Die eine Haltung lautet:
„Interessant. Da ist gerade Angst.“
Die andere:
„Da ist Angst. Warum? Wird sie stärker? Muss ich etwas dagegen tun? Was bedeutet das? Ist das gefährlich?“
Im zweiten Fall wird die Aufmerksamkeit Teil eines Kontrollsystems.
Gerade bei Angststörungen, starkem Grübeln oder ausgeprägter Selbstbeobachtung muss deshalb therapeutisch genau unterschieden werden:
Erhöht die Übung tatsächlich psychische Flexibilität – oder erzeugt sie noch mehr Selbstüberwachung?
4. „Bei allen funktioniert es – nur bei mir nicht“
Es gibt noch eine weniger offensichtliche Seite von Achtsamkeit.
Achtsamkeitskurse und Meditation finden häufig in einem sozialen Kontext statt.
Andere Teilnehmer:innen erzählen vielleicht:
„Ich bin jetzt viel mehr bei mir.“
„Ich kann endlich loslassen.“
„Meditation hat mein Leben verändert.“
Und man selbst sitzt da und denkt:
„Ich werde davon nur nervös.“
Das kann ein Gefühl von Fremdheit erzeugen.
Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht.
Vielleicht bin ich zu verkopft.
Zu unruhig.
Nicht spirituell genug.
Nicht diszipliniert genug.
Akbari und Seydavi fanden bei ihren Teilnehmer:innen deshalb auch contextual alienation and relational distrust – kontextuelle Entfremdung und relationales Misstrauen. Die Erfahrungen der Non-Responder waren nicht ausschließlich intrapsychisch; auch soziale, relationale und kulturelle Faktoren spielten eine Rolle (Akbari & Seydavi, 2025).
Das ist ein wichtiger Befund.
Denn Psychotherapie findet niemals nur im Kopf eines einzelnen Menschen statt.
Auch die Art, wie eine Methode vermittelt wird, beeinflusst ihre Wirkung.
5. Wenn Achtsamkeit neue Selbstkritik erzeugt
Vielleicht ist dies der paradoxeste Prozess.
Achtsamkeit soll eigentlich helfen, Erfahrungen weniger wertend wahrzunehmen.
Aber genau daraus kann ein neuer Maßstab entstehen.
Ich sollte akzeptieren können.
Ich sollte loslassen können.
Ich sollte im Moment sein.
Ich sollte meine Gedanken beobachten können.
Und wenn das nicht gelingt:
„Ich kann nicht einmal Achtsamkeit.“
Damit wird aus einer Intervention, die Selbstakzeptanz fördern soll, unbeabsichtigt eine weitere Gelegenheit zur Selbstkritik.
Akbari und Seydavi beschreiben dieses Thema als identity threat with self-critical resistance – eine Bedrohung des Selbstbildes verbunden mit selbstkritischem Widerstand (Akbari & Seydavi, 2025).
Gerade bei Menschen mit ausgeprägtem Perfektionismus oder Scham kann das relevant sein.
Die therapeutische Methode wird dann in ein bereits bestehendes Muster eingebaut:
„Ich muss mich verbessern, damit ich in Ordnung bin.“
Die fünf Probleme hängen miteinander zusammen
Einer der interessantesten Aspekte der Studie besteht darin, dass die Forscher diese fünf Themen nicht als voneinander unabhängige Probleme verstehen.
Sie können sich gegenseitig verstärken.
Ein Mensch versucht beispielsweise, seine innere Erfahrung stark zu kontrollieren.
Dadurch beobachtet er sich immer intensiver.
Diese Selbstbeobachtung wird anstrengend.
Gleichzeitig tauchen unangenehme Gefühle auf.
Diese sollen wiederum kontrolliert oder vermieden werden.
Die Übung funktioniert dadurch nicht so wie erwartet.
Andere scheinen besser damit zurechtzukommen.
Es entsteht Scham.
Und schließlich lautet die Schlussfolgerung:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Die Studie beschreibt Nonresponse deshalb nicht einfach als fehlende Motivation oder mangelnde Fähigkeit. Die berichteten Muster wurden auch als adaptive, kontextabhängige Versuche verstanden, psychologische Sicherheit und Selbstkohärenz aufrechtzuerhalten (Akbari & Seydavi, 2025).
Das ist therapeutisch eine wichtige Perspektive.
Vielleicht ist der „Widerstand“ gar kein Widerstand
Stellen wir uns eine Patientin vor, die bei einer Körperübung immer wieder abschweift.
Man könnte sagen:
„Sie vermeidet ihre Gefühle.“
Das kann stimmen.
Aber dann beginnt erst die interessante Frage:
Warum?
Vielleicht war es früher tatsächlich sinnvoll, bestimmte Gefühle möglichst wenig wahrzunehmen.
Vielleicht erzeugt starke Körperaufmerksamkeit Angst.
Vielleicht bedeutet Kontrollverlust für diese Person Gefahr.
Vielleicht wird die Übung als Prüfung erlebt.
Vielleicht entsteht Scham darüber, dass sie „es nicht schafft“.
Dann wäre die Vermeidung nicht einfach ein Defekt, der beseitigt werden muss.
Sie wäre zunächst eine Schutzstrategie.
Das bedeutet nicht, dass sie für immer bestehen bleiben muss.
Aber bevor wir versuchen, sie zu verändern, sollten wir verstehen, was sie schützt.
Bedeutet das, dass Achtsamkeit bei Trauma gefährlich ist?
Nein.
Eine einzelne qualitative Studie mit ausgewählten Non-Respondern erlaubt diese Schlussfolgerung nicht.
Das Studiendesign ist hier wichtig.
Akbari und Seydavi untersuchten nicht zufällig ausgewählte Menschen, die Achtsamkeit praktizieren. Ihre 194 Teilnehmer:innen waren Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, die bereits als Non-Responder auf standardisierte achtsamkeitsbasierte Interventionen klassifiziert worden waren – darunter Personen ohne ausreichende Symptomverbesserung, mit frühem Rückfall, fehlender funktioneller Verbesserung oder Therapieabbruch (Akbari & Seydavi, 2025).
Die Studie beantwortet also vor allem:
Welche Schwierigkeiten beschreiben Menschen, bei denen standardisierte Achtsamkeitsinterventionen nicht ausreichend funktioniert haben?
Sie beantwortet nicht:
Wie häufig scheitert Achtsamkeit insgesamt?
Und sie beweist auch nicht, dass eines der identifizierten Probleme zwangsläufig durch Achtsamkeit verursacht wurde.
Diese Unterscheidung ist wichtig.
Was kann man tun, wenn Meditation unruhig macht?
Die Antwort muss nicht automatisch lauten:
Mehr meditieren.
Manchmal kann es sinnvoller sein, die Intervention anzupassen.
Die Autor:innen leiten aus ihren Ergebnissen unter anderem ab, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen stärker individualisiert werden sollten. Sie betonen die Bedeutung von relationaler Sicherheit, metakognitiver Belastung, Identität und kulturellem Kontext (Akbari & Seydavi, 2025).
Praktisch kann das beispielsweise bedeuten, zunächst mit kürzeren Übungen zu arbeiten.
Oder die Augen offen zu lassen.
Statt den Körper minutenlang intensiv zu beobachten, kann Aufmerksamkeit zunächst stärker nach außen gerichtet werden:
Was sehe ich?
Was höre ich?
Wo befinde ich mich gerade?
Manche Menschen profitieren eher von Bewegung als von stillem Sitzen.
Und manchmal ist es therapeutisch sinnvoller, zunächst gemeinsam zu verstehen, warum das Stillwerden überhaupt so schwierig ist, bevor eine weitere Meditation verordnet wird.
Achtsamkeit muss nicht ruhig aussehen
Das führt zu einem weiteren Missverständnis.
Achtsamkeit bedeutet nicht zwangsläufig:
im Schneidersitz sitzen,
Augen schließen,
langsam atmen,
zehn Minuten nichts tun.
Man kann beim Gehen aufmerksam sein.
Beim Essen.
Beim Sport.
Beim Gespräch.
Beim Duschen.
Während man Musik hört.
Oder während man bewusst wahrnimmt, dass man gerade überhaupt keine Lust auf eine Achtsamkeitsübung hat.
Die therapeutisch interessante Fähigkeit besteht weniger darin, möglichst lange still sitzen zu können.
Sie besteht darin, mit dem eigenen Erleben flexibler in Kontakt treten zu können.
Muss ich meine Gedanken bei Achtsamkeit ausschalten?
Nein.
Das ist eines der häufigsten Missverständnisse über Meditation.
Ein Gehirn produziert Gedanken.
Dass während einer Achtsamkeitsübung Gedanken auftauchen, bedeutet nicht, dass die Übung gescheitert ist.
Das Ziel ist normalerweise nicht:
keine Gedanken.
Interessanter ist:
Wie verhalte ich mich zu meinen Gedanken?
Muss ich jedem Gedanken folgen?
Muss ich ihn bekämpfen?
Muss ich herausfinden, warum er da ist?
Oder kann ich bemerken:
„Da ist gerade ein Gedanke.“
Und dann meine Aufmerksamkeit wieder verändern?
Für jemanden mit starkem Perfektionismus kann allein diese Unterscheidung entscheidend sein.
Und wenn ich überhaupt nicht nach innen schauen möchte?
Auch das ist zunächst Information.
Psychotherapie muss nicht daraus bestehen, Menschen möglichst schnell mit allem zu konfrontieren, was sie vermeiden.
Manchmal ist Vermeidung tatsächlich ein zentraler Mechanismus, der Leiden aufrechterhält.
Aber selbst dann sollte eine gute Therapie unterscheiden zwischen:
produktiver Annäherung
und
Überforderung.
Gerade bei komplexen Traumafolgen ist diese Dosierung wichtig.
Das Ziel wäre nicht, unangenehme innere Erfahrungen dauerhaft zu vermeiden.
Aber genauso wenig sollte die Botschaft lauten:
„Wenn es dich überfordert, musst du eben noch stärker hineinspüren.“
Mehr Aktivierung bedeutet nicht automatisch mehr therapeutische Veränderung.
Die Methode muss zum Menschen passen und nicht umgekehrt
Das ist für mich die wichtigste Konsequenz.
Psychotherapeutische Methoden sind Werkzeuge.
Achtsamkeit ist ein Werkzeug.
EMDR ist ein Werkzeug.
Exposition ist ein Werkzeug.
Kognitive Interventionen sind Werkzeuge.
Keine Methode sollte zu einer Ideologie werden.
Wenn eine Intervention nicht funktioniert, gibt es mindestens zwei mögliche Erklärungen.
Die erste lautet:
„Der Patient macht es falsch.“
Die zweite:
„Wir haben noch nicht ausreichend verstanden, was bei diesem Menschen passiert.“
Die zweite Frage ist therapeutisch meistens interessanter.
Akbari und Seydavi formulieren als Konsequenz ihrer Ergebnisse entsprechend die Notwendigkeit anpassungsfähigerer, präziserer und inklusiverer achtsamkeitsbasierter Interventionen (Akbari & Seydavi, 2025).
Das ist kein Argument gegen Achtsamkeit.
Es ist ein Argument für individualisierte Psychotherapie.
Was gute Achtsamkeit in der Psychotherapie leisten kann
Richtig eingesetzt kann Achtsamkeit etwas sehr Wertvolles ermöglichen.
Zwischen einem inneren Ereignis und unserer Reaktion darauf kann ein kleiner Raum entstehen.
Aus:
„Ich habe Angst, also bin ich in Gefahr.“
kann werden:
„Ich bemerke gerade Angst.“
Aus:
„Ich bin wertlos.“
kann werden:
„Da ist gerade der Gedanke, dass ich wertlos bin.“
Aus:
„Diese Spannung muss sofort weg.“
kann werden:
„Mein Körper ist gerade angespannt – und ich kann neugierig beobachten, was ich brauche.“
Das ist keine Gleichgültigkeit.
Und es bedeutet auch nicht, alles akzeptieren zu müssen.
Es bedeutet zunächst, etwas mehr Freiheit darin zu bekommen, wie wir auf unser eigenes Erleben reagieren.
Für manche Menschen ist eine klassische Meditation ein guter Weg dorthin.
Für andere nicht.
Häufige Fragen zu Achtsamkeit und Meditation
Warum funktioniert Achtsamkeit bei mir nicht?
Das kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Eine Studie von Akbari und Seydavi identifizierte bei klinischen Non-Respondern unter anderem Überkontrolle, emotionale Vermeidung, Erschöpfung durch Selbstbeobachtung, soziale Entfremdung und Selbstkritik. Diese Ergebnisse erklären mögliche Prozesse, sind aber keine allgemeine Häufigkeitsschätzung für alle Menschen, die meditieren (Akbari & Seydavi, 2025).
Warum werde ich beim Meditieren unruhiger?
Wenn äußere Ablenkung reduziert wird, können Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen deutlicher wahrnehmbar werden. Bei manchen Menschen kann dies unangenehm oder angstauslösend sein. Besonders relevant ist deshalb, was genau während der Übung passiert.
Ist Achtsamkeit bei Trauma geeignet?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Traumatische Erfahrungen schließen Achtsamkeit nicht grundsätzlich aus. Übungen sollten jedoch an die individuelle Reaktion angepasst werden, insbesondere wenn intensive Körperaufmerksamkeit Überflutung, Angst oder dissoziative Reaktionen begünstigt.
Muss ich beim Meditieren meine Gedanken ausschalten?
Nein. Gedankenlosigkeit ist nicht das Ziel von Achtsamkeit. Entscheidend ist vielmehr, Gedanken wahrnehmen zu können, ohne automatisch jedem Gedanken folgen oder ihn bekämpfen zu müssen.
Was mache ich, wenn Meditation meine Angst verstärkt?
Eine Übung muss nicht gegen starke Überforderung fortgesetzt werden. Kürzere Übungen, offene Augen, Bewegung oder stärkere Orientierung an der äußeren Umgebung können mögliche Alternativen sein. Bei ausgeprägten psychischen Beschwerden sollte individuell geklärt werden, welche Intervention sinnvoll ist.
Fazit: Wenn Achtsamkeit nicht hilft, ist das eine Information
Achtsamkeit kann ein wertvolles psychotherapeutisches Werkzeug sein.
Aber kein Werkzeug passt automatisch zu jedem Menschen.
Die Studie von Akbari und Seydavi zeigt etwas, das weit über Achtsamkeit hinausgeht: Menschen, die auf eine psychotherapeutische Intervention nicht wie erwartet reagieren, sind nicht zwangsläufig unmotiviert oder „therapieresistent“.
Manchmal kollidiert eine Methode mit Strategien, die ein Mensch über Jahre entwickelt hat, um sich psychisch zu schützen.
Dann sollten wir nicht vorschnell fragen:
„Warum schafft dieser Mensch die Übung nicht?“
Vielleicht lautet die bessere Frage:
„Was passiert mit diesem Menschen, wenn wir ihn bitten, diese Übung zu machen?“
Genau dort beginnt individualisierte Psychotherapie.
Nicht jeder Mensch muss lernen, zehn Minuten mit geschlossenen Augen seinen Atem zu beobachten.
Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Form von Achtsamkeit.
Und eine Methode beweist ihre Qualität nicht dadurch, dass der Mensch sich ihr perfekt anpasst.
Eine gute psychotherapeutische Intervention muss sich auch an den Menschen anpassen können.
Literatur
Akbari, M., & Seydavi, M. (2025). Why Mindfulness Doesn't Work for Everyone: Networked Lived Tensions in a Reflexive Thematic Study Across Psychiatric Contexts. Clinical Psychology & Psychotherapy, 32(6), e70194. DOI: 10.1002/cpp.70194. Die Studie verwendete eine reflexive thematische Analyse bei 194 klinischen Non-Respondern auf achtsamkeitsbasierte Interventionen und identifizierte fünf miteinander verbundene Themen.


