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Was bedeutet es eigentlich, in einer Psychotherapie zu heilen?

Autorenbild: Philipp Lioznov
Philipp Lioznov
19. Aug.
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Aug.


Psychotherapie bedeutet nicht nur, Symptome loszuwerden. Wirkliche Veränderung kann bedeuten, belastende Erfahrungen anders zu verarbeiten, neue Erfahrungen zu machen und zunehmend freier, lebendiger und mehr man selbst zu werden.

Viele Menschen beginnen eine Psychotherapie mit einem verständlichen Wunsch: Sie möchten, dass etwas aufhört.

Die Angst soll weniger werden. Die Panikattacken sollen verschwinden. Man möchte endlich schlafen können, nicht mehr ständig grübeln, weniger angespannt sein oder nicht immer wieder in denselben Beziehungsmustern landen. Nach traumatischen Erfahrungen möchte man vielleicht einfach nicht mehr von der Vergangenheit eingeholt werden.

Das sind wichtige Therapieziele. Und natürlich gehört es zu einer erfolgreichen Psychotherapie, psychische Beschwerden zu reduzieren.

Aber was, wenn Heilung mehr bedeutet?


Wenn das Problem nicht nur das Symptom ist

Ein Symptom entsteht nicht im luftleeren Raum.

Ein Mensch, der ständig auf mögliche Gefahren achtet, hat vielleicht irgendwann gelernt, dass Wachsamkeit notwendig ist. Jemand, der andere Menschen auf Abstand hält, schützt sich möglicherweise vor einer Nähe, die früher mit Verletzung verbunden war. Wer seine eigenen Bedürfnisse kaum wahrnimmt, hat vielleicht sehr früh erfahren, dass für diese Bedürfnisse wenig Platz war.

Das bedeutet nicht, dass hinter jedem psychischen Problem ein Trauma stehen muss. Ebenso wenig sollte jedes gegenwärtige Problem auf die Kindheit zurückgeführt werden.

Es bedeutet aber, dass es in einer Psychotherapie häufig sinnvoll ist, nicht nur zu fragen:

„Wie bekommen wir dieses Symptom weg?“

Sondern auch:

„Welche Funktion hatte dieses Muster einmal – und warum braucht die Person es heute noch?“

Der Psychoanalytiker Thomas Ogden geht noch einen Schritt weiter. Er betrachtet Symptome teilweise als Orte, an denen psychische Entwicklung ins Stocken geraten ist. Menschen halten demnach nicht notwendigerweise an belastenden Mustern fest, weil sie sich nicht verändern wollen. Manchmal fehlt ihnen schlicht eine ausreichend gelebte Alternative.

Das verändert die therapeutische Haltung.

Ein Symptom ist dann nicht einfach ein Gegner, den Therapeut:in und Patient:in gemeinsam bekämpfen müssen. Zunächst müssen wir verstehen, warum es überhaupt notwendig geworden ist.


Verstehen ist wichtig – aber manchmal nicht genug

Viele Menschen können ihre Schwierigkeiten erstaunlich gut erklären.

„Ich weiß, dass mein Partner nicht mein Vater ist.“
„Ich weiß, dass ich heute sicher bin.“
„Ich weiß, dass ich als Kind keine Schuld hatte.“
„Ich weiß eigentlich, dass ich Nein sagen darf.“

Und trotzdem reagiert der Körper anders.

Das Herz schlägt schneller. Der Brustkorb wird eng. Man erstarrt. Man schämt sich. Man zieht sich zurück. Oder eine kleine Zurückweisung fühlt sich plötzlich nicht klein an, sondern existenziell.

Genau hier zeigt sich eine wichtige Grenze rein intellektuellen Verstehens.

Thomas Zimmerman beschreibt in EMDR with Complex Trauma Heilung deshalb ausdrücklich als einen erfahrungsbezogenen Prozess. Belastende Erfahrungen verändern sich nicht zwangsläufig dadurch, dass wir lediglich neue Informationen über sie besitzen. Entscheidend kann sein, dass etwas, das wir rational längst wissen, auch emotional und körperlich erfahrbar wird.

Man könnte sagen:

Es gibt einen Unterschied zwischen „Ich weiß, dass ich sicher bin“ und „Ich erlebe mich als sicher“.

Psychotherapie arbeitet häufig genau in diesem Zwischenraum.


Alte Erfahrungen können in der Gegenwart weiterleben

Traumatische und andere belastende Erfahrungen gehören objektiv der Vergangenheit an. Subjektiv können Teile dieser Erfahrungen jedoch weiterhin sehr gegenwärtig sein.

Ein erwachsener Mensch kann beispielsweise wissen, dass Kritik keine Katastrophe ist – und dennoch auf Kritik mit einer Intensität reagieren, die zu seiner heutigen Situation kaum zu passen scheint.

Oder jemand weiß, dass eine Partnerin für einige Stunden nicht erreichbar ist. Gleichzeitig entsteht eine massive Angst, verlassen worden zu sein.

Die gegenwärtige Situation aktiviert dann etwas, das älter ist als die Situation selbst.

Aus der Perspektive des Adaptiven Informationsverarbeitungsmodells, auf dem EMDR basiert, können belastende Erfahrungen so gespeichert sein, dass sie nicht ausreichend mit hilfreichen gegenwärtigen Informationen verbunden sind. Psychotherapeutische Verarbeitung bedeutet dann nicht, eine Erinnerung zu löschen. Die Vergangenheit bleibt Teil der eigenen Biografie.

Aber ihre Bedeutung und ihre emotionale Macht können sich verändern.

Das Ziel wäre nicht:

„Es ist nie passiert.“

Sondern eher:

„Es ist passiert. Aber es passiert nicht mehr.“

Und schließlich vielleicht:

„Es gehört zu meiner Geschichte, aber es bestimmt nicht mehr, wer ich heute sein muss.“


Warum neue Erfahrungen so wichtig sind

Zimmerman formuliert einen für die Traumatherapie zentralen Gedanken: Wir werden durch Erfahrungen verletzt – und Veränderung muss deshalb ebenfalls auf der Ebene von Erfahrung stattfinden.

Eine solche neue Erfahrung kann sehr unterschiedlich aussehen.

Ein Mensch erinnert sich an eine beschämende Situation und erlebt erstmals, dass er sie betrachten kann, ohne vollständig von der damaligen Scham überschwemmt zu werden. Eine Patientin setzt eine Grenze und stellt fest, dass die Beziehung daran nicht zerbricht. Jemand nimmt Angst im eigenen Körper wahr, ohne sofort vor ihr fliehen zu müssen.

Auch die therapeutische Beziehung selbst kann eine solche Erfahrung ermöglichen.

Ein Mensch zeigt beispielsweise etwas, wofür er sich seit Jahren schämt – und erlebt weder Demütigung noch Ablehnung. Jemand widerspricht seinem Therapeuten und stellt fest, dass der andere weder zurückschlägt noch sich entzieht. Oder eine Patientin erlebt starke Gefühle und macht die Erfahrung, dass ein anderer Mensch diese Gefühle aushalten kann, ohne sie kleinzureden oder von ihnen überwältigt zu werden.

Das klingt unspektakulär.

Für jemanden, dessen frühere Beziehungserfahrungen etwas völlig anderes erwarten ließen, kann es tiefgreifend sein.


Aber was passiert, wenn solche Erfahrungen fehlen?

Gerade bei komplexen Traumatisierungen liegt eine besondere Schwierigkeit darin, dass Menschen nicht nur zu viel Belastendes erlebt haben können.

Manchmal haben sie gleichzeitig zu wenig von etwas anderem erfahren.

Zu wenig Schutz.

Zu wenig verlässliche Zuwendung.

Zu wenig Raum für eigene Bedürfnisse.

Zu wenig Erfahrung damit, dass Konflikte überstanden werden können.

Zu wenig Gelegenheit, ein stabiles Gefühl dafür zu entwickeln: Ich darf existieren. Meine Wahrnehmung zählt. Ich kann etwas bewirken. Andere Menschen können verlässlich sein.

Zimmerman beschreibt dies als einen möglichen Mangel an zugänglicher adaptiver Information. Seine Metapher dafür ist drastisch, aber hilfreich: Man kann einen Wal nicht in einem Kanu an Land ziehen. Bei enormen traumatischen Belastungen kann die Menge an verfügbaren inneren Ressourcen zunächst schlicht nicht ausreichen, um bestimmte Erfahrungen sinnvoll zu verarbeiten.

Deshalb ist gute Traumatherapie nicht automatisch die Therapie, die möglichst schnell an die schlimmste Erinnerung geht.

Manchmal besteht therapeutischer Fortschritt zunächst darin, überhaupt mehr innere und äußere Sicherheit, Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation, Beziehungserfahrung und Handlungsspielraum aufzubauen.


Warum Stabilisierung keine verlorene Zeit ist

Das ist besonders bei komplexen Traumafolgestörungen wichtig.

EMDR ist keine Methode, bei der möglichst belastende Erinnerungen aktiviert werden und bilaterale Stimulation dann automatisch den Rest erledigt. Zimmerman warnt ausdrücklich vor einer solchen Vorstellung. Gerade bei komplex traumatisierten Menschen müssen Belastung, vorhandene Ressourcen und die Fähigkeit, während einer Aktivierung gleichzeitig in der Gegenwart zu bleiben, berücksichtigt werden.

Manchmal ist ein Mensch an einem bestimmten Tag schlicht nicht in der Lage, noch tiefer in belastendes Material einzutauchen.

Dann kann Therapie bedeuten, zunächst wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Bei komplexer Traumatisierung kann deshalb unter anderem daran gearbeitet werden, Körperempfindungen wahrzunehmen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden zu können, Gefühle zu regulieren, innere Anteile besser kennenzulernen, sichere Beziehungen aufzubauen oder hilfreiche Erfahrungen überhaupt erst verfügbar zu machen.

Erst danach – oder parallel dazu – kann die Verarbeitung bestimmter traumatischer Erinnerungen sinnvoll sein.

Die entscheidende Frage lautet also nicht:

„Wie schnell kommen wir zum Trauma?“

Sondern:

„Was kann dieser Mensch jetzt verarbeiten, ohne dass die Verarbeitung selbst wieder überwältigend wird?“

Zimmerman beschreibt diesen Bereich als Schnittstelle zwischen dem, was therapeutisch produktiv, und dem, was gleichzeitig tolerierbar ist.


Von „Warum bin ich so?“ zu „Wer kann ich werden?“

An diesem Punkt führt Traumatherapie zu einer überraschenden Verbindung mit psychoanalytischem Denken.

Thomas Ogden unterscheidet zwei Perspektiven auf Psychotherapie.

Die eine bezeichnet er als epistemologisch: Sie beschäftigt sich mit Wissen und Verstehen.

Warum reagiere ich so?

Welche Erfahrungen haben mich geprägt?

Welche unbewussten Konflikte wiederholen sich?

Dieses Verstehen ist wertvoll.

Ogden stellt ihm jedoch eine zweite Perspektive zur Seite: die ontologische Dimension von Psychotherapie. Hier geht es weniger darum, immer mehr über sich zu wissen, sondern um Sein und Werden – being and becoming.

Die entscheidende therapeutische Frage verändert sich dadurch.

Nicht mehr nur:

„Warum bin ich so geworden?“

Sondern:

„Wer kann ich noch werden?“


Psychische Gesundheit bedeutet nicht, nichts mehr zu fühlen

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Das Ziel einer Psychotherapie kann kaum darin bestehen, unangenehme Gefühle abzuschaffen.

Ein psychisch gesunder Mensch erlebt Angst, Trauer, Wut, Scham, Eifersucht, Enttäuschung und Verlust. Manche Lebensereignisse sollten uns sogar erschüttern. Eine Welt, in der nichts mehr verletzt, wäre nicht notwendigerweise Ausdruck psychischer Gesundheit.

Entscheidender ist die Frage, wie frei wir gegenüber unserem eigenen Erleben sind.

Kann ich Angst spüren, ohne dass Angst automatisch mein Verhalten bestimmt?

Kann ich traurig sein, ohne mich darin vollständig zu verlieren?

Kann ich Nähe zulassen, ohne mich selbst aufzugeben?

Kann ich Grenzen setzen, ohne sofort von Schuld überschwemmt zu werden?

Kann ich mich ärgern und trotzdem verbunden bleiben?

Kann ich mich verändern, ohne das Gefühl zu haben, dadurch meine Identität zu verlieren?

Heilung bedeutet aus dieser Perspektive nicht Gefühllosigkeit.

Sie bedeutet mehr psychische Beweglichkeit.


Therapie als Möglichkeit, lebendiger zu werden

Ogden formuliert Psychopathologie aus seiner ontologischen Perspektive radikal: Psychisches Leiden kann auch als Einschränkung der Fähigkeit verstanden werden, weiter zu wachsen und zunehmend man selbst zu werden.

Das ist etwas anderes als Symptomfreiheit.

Ein Mensch kann beruflich funktionieren, Beziehungen führen und seinen Alltag bewältigen – und sich trotzdem innerlich kaum lebendig fühlen.

Er kann sehr viel leisten und wenig erleben.

Sehr viel denken und wenig spüren.

Sich hervorragend an andere anpassen und kaum wissen, was er selbst möchte.

Ogden interessiert deshalb nicht nur, was ein Patient über sich herausfindet, sondern was im therapeutischen Prozess neu erlebt und möglich wird. Seine therapeutische Haltung richtet sich darauf, dass Patient und Therapeut nicht nur über das Leben sprechen, sondern dass in der therapeutischen Begegnung selbst etwas lebendiger werden kann.

Darin liegt vielleicht eine der schönsten Vorstellungen von Psychotherapie:

Wir versuchen nicht, einen Menschen in eine vermeintlich richtige Version seiner selbst umzubauen.

Wir versuchen Bedingungen zu schaffen, unter denen Entwicklung wieder möglich wird.


Heilung kann deshalb sehr unterschiedlich aussehen

Für einen Menschen bedeutet sie vielleicht, nachts wieder schlafen zu können.

Für einen anderen, eine traumatische Erinnerung erzählen zu können, ohne wieder vollständig in ihr zu sein.

Für jemanden anderen bedeutet sie, zum ersten Mal Nein zu sagen.

Oder Hilfe anzunehmen.

Allein sein zu können.

Sich zu verlieben.

Wütend zu werden.

Zu trauern.

Den eigenen Körper wieder wahrzunehmen.

Eine Beziehung zu verlassen.

Oder in einer Beziehung zu bleiben, obwohl Konflikte entstehen.

Manchmal ist ein wichtiger therapeutischer Moment sogar die Erkenntnis, dass etwas Verlorenes nicht nachgeholt oder ungeschehen gemacht werden kann. Auch Ogden betont diese schmerzhafte Dimension: Nicht alles, was in der Entwicklung verloren ging, lässt sich später vollständig zurückholen. Psychotherapie kann aber ermöglichen, dass daraus etwas Neues entsteht.


Wann ist eine Psychotherapie dann erfolgreich?

Vielleicht gibt es darauf keine einzelne Antwort.

Symptome sollten weniger werden. Das Leiden sollte abnehmen. Beziehungen und Alltag sollten besser funktionieren. Das sind wichtige Kriterien.

Aber daneben gibt es eine weitere Ebene.

Eine erfolgreiche Psychotherapie kann bedeuten, dass die Vergangenheit Vergangenheit werden darf, ohne verleugnet werden zu müssen.

Dass Gefühle wieder Informationen werden, statt Befehle zu sein.

Dass Schutzmechanismen nicht gewaltsam entfernt werden müssen, sondern zunehmend weniger notwendig werden.

Dass ein Mensch mehr Möglichkeiten bekommt, auf sich selbst, andere Menschen und die Welt zu reagieren.

Und schließlich, dass die Frage nicht mehr ausschließlich lautet:

„Wie werde ich das los?“

Sondern zunehmend:

„Wie möchte ich eigentlich leben?“

Vielleicht beginnt dort eine tiefere Form psychotherapeutischer Veränderung.

Nicht nur weniger leiden.

Sondern freier werden, sich entwickeln – und mehr ins eigene Leben kommen.


Philipp Lioznov, MSc

Psychotherapeut und Psychologe

ANAMNESIS – Praxis für mentale und körperliche Gesundheit, Wien

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle psychotherapeutische oder medizinische Abklärung.

 
 
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