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Komplexe PTBS und EMDR: Muss man vor der Traumaverarbeitung zuerst stabilisieren?

Autorenbild: Philipp Lioznov
Philipp Lioznov
16. Aug.
9 Min. Lesezeit

Wer über längere Zeit Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch oder andere schwere zwischenmenschliche Belastungen erlebt hat, hört in der Traumatherapie häufig einen Satz wie:

„Bevor wir an die traumatischen Erinnerungen gehen können, müssen Sie erst stabil genug sein.“

Dahinter steht ein nachvollziehbarer Gedanke. Traumatherapie soll Menschen nicht überwältigen. Wer bereits unter Flashbacks, starker innerer Anspannung, Dissoziation oder Schwierigkeiten mit der Regulation von Gefühlen leidet, soll durch die Behandlung nicht zusätzlich destabilisiert werden.

Deshalb wurde insbesondere bei komplexen Traumafolgestörungen lange ein phasenorientiertes Vorgehen empfohlen: zunächst Sicherheit und Stabilisierung, dann die eigentliche Traumaverarbeitung und anschließend Integration.

Die Forschung der vergangenen Jahre hat dieses scheinbar eindeutige Vorgehen allerdings differenzierter werden lassen.

Heute stellt sich weniger die Frage, ob Stabilisierung wichtig ist, sondern vielmehr:

Wie viel Vorbereitung braucht ein bestimmter Mensch, bevor traumatische Erinnerungen direkt bearbeitet werden können?

Und darauf gibt es keine für alle Patient:innen gleichermaßen gültige Antwort.


Was ist eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung?

Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung – kurz KPTBS oder CPTSD – ist in der ICD-11 als eigenständiges Störungsbild beschrieben.

Wie bei einer klassischen posttraumatischen Belastungsstörung können Betroffene unter Wiedererleben, Vermeidung und einem anhaltenden Gefühl gegenwärtiger Bedrohung leiden.

Bei einer komplexen PTBS kommen jedoch weitere Schwierigkeiten hinzu. Sie werden als Störungen der Selbstorganisation beschrieben und betreffen insbesondere:

  • Schwierigkeiten bei der Regulation intensiver Gefühle,

  • ein anhaltend negatives Selbstbild,

  • Schwierigkeiten, tragfähige und sichere Beziehungen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten.

Gerade nach langjähriger Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung oder anderen wiederholten zwischenmenschlichen Traumatisierungen kann das Problem deshalb weit über einzelne belastende Erinnerungen hinausreichen.

Ein Mensch kann beispielsweise rational wissen, dass eine gewalttätige Beziehung seit Jahren vorbei ist – und trotzdem bei bestimmten Blicken, Stimmen oder Konflikten plötzlich intensive Angst erleben.

Oder jemand weiß als Erwachsener, dass er heute selbst entscheiden darf, und erlebt bei Kritik dennoch innerhalb von Sekunden das alte Gefühl:

„Ich bin ausgeliefert.“

Traumatische Erfahrungen können damit nicht nur als autobiografische Erinnerungen fortbestehen. Sie können beeinflussen, wie wir gegenwärtige Situationen wahrnehmen, unseren Körper erleben, Beziehungen gestalten und über uns selbst denken.


Was bedeutet „Stabilisierung“ in der Traumatherapie?

Stabilisierung wird manchmal missverstanden.

Sie bedeutet nicht, dass ein Mensch vollkommen ruhig, symptomfrei oder emotional ausgeglichen sein muss, bevor Traumatherapie beginnen darf.

Im klassischen EMDR-Behandlungsmodell ist die Vorbereitung vielmehr Bestandteil eines strukturierten achtphasigen therapeutischen Vorgehens. Dazu gehören Anamnese und Behandlungsplanung, Vorbereitung und Stabilisierung, die Einschätzung einer konkreten Erinnerung, deren Verarbeitung, die Verankerung adaptiver Informationen, der Körpertest, ein sicherer Abschluss und die spätere Neubewertung.

Vor einer belastenden Traumaverarbeitung muss deshalb unter anderem eingeschätzt werden, ob eine Person ausreichend im Hier und Jetzt bleiben kann und ob es Möglichkeiten gibt, mit hoher Aktivierung umzugehen.

Das klassische EMDR-Handbuch formuliert dabei einen wichtigen Gedanken: Für Verarbeitung braucht es eine optimale innere Distanz.

Man muss einer Erinnerung nahe genug kommen können, damit sie emotional aktiviert und verarbeitet werden kann – und gleichzeitig genügend Abstand behalten, um zu wissen:

Das geschieht nicht gerade. Ich erinnere mich daran. Ich bin heute hier.

Diese Fähigkeit wird häufig als duale Aufmerksamkeit beschrieben.

Ein Teil der Aufmerksamkeit befindet sich bei der belastenden Erinnerung, ein anderer bleibt in der Gegenwart.


Warum wurde bei komplexer PTBS lange eine längere Stabilisierung empfohlen?

Die klinische Logik dahinter ist verständlich.

Menschen mit schweren frühen und wiederholten Traumatisierungen können beispielsweise stark dissoziieren, sich selbst verletzen, intensive emotionale Zustände erleben oder große Schwierigkeiten haben, sich nach Aktivierung wieder zu regulieren.

Die Sorge war deshalb, dass eine zu frühe Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen Symptome verstärken oder sogar zu einer Dekompensation führen könnte.

2012 empfahl eine Expert:innengruppe der International Society for Traumatic Stress Studies für Menschen mit komplexen Traumafolgen nach frühen zwischenmenschlichen Traumatisierungen entsprechend ein phasenorientiertes Vorgehen.

Zunächst sollten unter anderem Sicherheit, therapeutische Beziehung, Selbstkontrolle und Emotionsregulation gefördert werden. Erst anschließend sollte die eigentliche Verarbeitung traumatischer Erinnerungen erfolgen.

Dieses Modell hat die Traumatherapie stark geprägt.

Die entscheidende Frage lautet jedoch:

Ist eine vorgeschaltete längere Stabilisierungsphase tatsächlich für alle Menschen mit komplexer PTBS notwendig?


Was sagt die neuere Forschung?

Hier hat sich die wissenschaftliche Diskussion verändert.

Neuere randomisierte kontrollierte Studien stellen die Annahme infrage, dass Menschen mit komplexen Traumatisierungen grundsätzlich zunächst eine längere Stabilisierungsphase benötigen.

De Jongh und Hafkemeijer fassen den Forschungsstand dahingehend zusammen, dass zusätzliche Stabilisierung zwar wirksam sein kann, nach den bislang vorliegenden Studien jedoch nicht generell notwendig erscheint. Sie argumentieren deshalb dafür, traumafokussierte Behandlung bei komplexer PTBS nicht allein aufgrund der Diagnose automatisch aufzuschieben.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

„Stabilisierung ist nicht immer als lange Vorphase notwendig“ bedeutet nicht „Stabilisierung ist unwichtig“.

Und es bedeutet erst recht nicht:

„Bei komplexer PTBS sollte möglichst schnell mit EMDR begonnen werden.“

Vielmehr verschiebt sich die klinische Frage.

Nicht:

„Hat dieser Mensch eine komplexe PTBS und muss deshalb erst monatelang stabilisiert werden?“

Sondern:

„Was braucht dieser konkrete Mensch, damit traumatische Erinnerungen sicher und wirksam bearbeitet werden können?“

Muss ich vollkommen stabil sein, bevor ich EMDR machen kann?

Nein.

Wenn vollständige emotionale Stabilität Voraussetzung für Traumatherapie wäre, entstünde ein paradoxes Problem: Gerade die Symptome, wegen derer jemand Behandlung sucht, könnten zum Grund werden, die Behandlung der zugrunde liegenden traumatischen Erinnerungen immer weiter aufzuschieben.

Angst vor Erinnerungen, Vermeidung und teilweise auch dissoziative Reaktionen gehören schließlich selbst zum klinischen Bild vieler Traumafolgestörungen.

De Jongh und Hafkemeijer weisen beispielsweise darauf hin, dass Dissoziation nicht automatisch gegen traumafokussierte Behandlung spricht. Sie kann allerdings während einer Sitzung den Zugang zur relevanten Erinnerung erschweren.

Ein Patient erinnert sich dann vielleicht an das Ereignis, spürt aber plötzlich nichts mehr.

Eine andere Patientin sagt:

„Ich sehe das Bild, aber es fühlt sich an, als wäre es jemand anderem passiert.“

Oder die Erinnerung verschwindet vollständig, sobald die emotionale Aktivierung zunimmt.

Solche Reaktionen müssen therapeutisch verstanden werden. Sie sind nicht einfach ein Zeichen mangelnder Mitarbeit.


Gleichzeitig sollte Traumaverarbeitung nicht erzwungen werden

Hier liegt eine wichtige Grenze.

Aus der neueren Forschung darf nicht die Vorstellung entstehen, gute Traumatherapie müsse besonders schnell oder besonders konfrontativ sein.

EMDR ist kein mechanisches Verfahren, bei dem eine belastende Erinnerung aktiviert, Augenbewegungen durchgeführt werden und das Trauma anschließend „gelöscht“ ist.

Bereits das klassische EMDR-Modell betont neben der strukturierten Vorgehensweise Sicherheit, Affektmanagement, Ressourcenorientierung, therapeutische Beziehung und die Regulation der emotionalen Distanz zum Erinnerungsmaterial.

Die therapeutische Kunst besteht deshalb nicht darin, möglichst viel Aktivierung zu erzeugen.

Sie besteht darin, einen Zustand herzustellen, in dem Verarbeitung überhaupt möglich wird.


Was passiert, wenn ich bei EMDR Angst vor der Erinnerung habe?

Das ist besonders interessant, weil die Angst vor Traumatherapie selbst zum Gegenstand der Behandlung werden kann.

Manche Patient:innen haben nicht nur Angst vor dem, was passiert ist. Sie haben Angst davor, sich daran zu erinnern.

Typische Befürchtungen sind:

„Wenn ich damit anfange, höre ich nicht mehr auf zu weinen.“

„Wenn ich mich wirklich daran erinnere, verliere ich die Kontrolle.“

„Dann bin ich wieder dort.“

„Ich werde zusammenbrechen.“

„Ich werde verrückt.“

In dem von De Jongh und Hafkemeijer beschriebenen Fall einer Patientin mit komplexer PTBS und Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigte sich genau dieses Problem. Die Patientin befürchtete, durch die Aktivierung ihrer traumatischen Erinnerungen überflutet zu werden. Zunächst wurde deshalb diese Angst vor der Traumaverarbeitung selbst therapeutisch bearbeitet. Danach wurden die eigentlichen Erinnerungen besser zugänglich.

Das verdeutlicht ein wichtiges Prinzip moderner Traumatherapie:

Ein Hindernis für Traumaverarbeitung muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Traumaverarbeitung abgebrochen oder monatelang verschoben werden muss. Das Hindernis selbst kann Teil der therapeutischen Fallkonzeption werden.


Welche Rolle spielt Dissoziation?

Dissoziation verlangt besondere Aufmerksamkeit.

Bei hoher Belastung reagieren manche Menschen nicht mit noch stärkerer Angst oder sichtbarer emotionaler Überflutung. Stattdessen geschieht scheinbar das Gegenteil.

Der Körper wird taub.

Gedanken verschwinden.

Die Umgebung fühlt sich unwirklich an.

Die Erinnerung wirkt plötzlich weit entfernt.

Manche Menschen funktionieren äußerlich erstaunlich gut und verlieren gleichzeitig den emotionalen Kontakt zu dem, was gerade geschieht.

Gerade deshalb reicht die einfache Frage „Wie belastend ist die Erinnerung von 0 bis 10?“ manchmal nicht aus.

Eine niedrige Belastung bedeutet nicht automatisch, dass eine Erinnerung verarbeitet wurde. Sie kann unter bestimmten Umständen auch bedeuten, dass der Zugang zum belastenden Material gerade eingeschränkt ist.

Neuere EMDR-Ansätze für komplexe Traumatisierungen beschäftigen sich deshalb zunehmend mit dem Zusammenspiel von traumatischem Wiedererleben, Vermeidung, Abwehr und dissoziativen Prozessen. Das 2026 beschriebene EMDR Toolbox Method-Modell versucht beispielsweise, solche inneren Zustände innerhalb einer erweiterten AIP-Fallkonzeption abzubilden. Die Autor:innen weisen allerdings selbst darauf hin, dass die empirische Evidenz für dieses spezifische Modell bislang vorwiegend klinisch begründet ist und weitere Studien erforderlich sind.

Diese Einschränkung ist wichtig: Nicht jede interessante traumatherapeutische Theorie ist bereits gleich gut wissenschaftlich abgesichert.


EMDR bei komplexer PTBS ist deshalb mehr als Augenbewegungen

Die Augenbewegungen sind der bekannteste Teil von EMDR, aber sie sind nicht die Therapie.

Vor der eigentlichen Verarbeitung steht eine sorgfältige Anamnese und Fallkonzeption.

Welche Symptome bestehen heute?

Welche Situationen lösen sie aus?

Welche Erinnerungen drängen sich auf?

Welche Erfahrungen haben das heutige negative Selbstbild geprägt?

Welche Erinnerungen hängen möglicherweise mit Schwierigkeiten in Beziehungen oder Emotionsregulation zusammen?

Welche Situationen werden vermieden?

Und was geschieht innerlich, wenn man versucht, sich einer Erinnerung anzunähern?

De Jongh und Hafkemeijer schlagen für komplexe PTBS eine systematische Auswahl relevanter Erinnerungen vor. Berücksichtigt werden dabei nicht nur intrusive traumatische Erinnerungen, sondern auch belastende Erfahrungen, die zentrale heutige Probleme – etwa ein negatives Selbstbild oder Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation – weiterhin „füttern“.

Das ist ein wesentlicher Punkt:

Nicht die Menge der bearbeiteten Erinnerungen entscheidet über die Qualität einer Traumatherapie. Entscheidend ist eine gute Fallkonzeption.


Wie entscheide ich in meiner Praxis, wann EMDR sinnvoll ist?

Für mich ist die Entscheidung nicht binär.

Es gibt nicht nur die beiden Möglichkeiten:

„erst stabilisieren“ oder „sofort Trauma bearbeiten“.

Zwischen diesen Polen liegt die eigentliche therapeutische Arbeit.

Ich möchte zunächst verstehen, welche Erfahrungen mit den heutigen Beschwerden zusammenhängen, welche Trigger bestehen und was passiert, wenn wir uns belastenden Erinnerungen nähern.

Manche Patient:innen können relativ früh mit traumafokussierter Arbeit beginnen.

Andere brauchen zunächst mehr Orientierung, Beziehungssicherheit, Psychoedukation oder konkrete Möglichkeiten zur Emotionsregulation.

Bei anderen stehen zunächst akute Krisen, massive Dissoziation oder andere Probleme im Vordergrund, die eine unmittelbare Traumaverarbeitung erschweren.

Und manchmal zeigt sich erst während der Behandlung, welches Tempo sinnvoll ist.

Traumatherapie sollte deshalb weder nach dem Prinzip „so schnell wie möglich“ noch nach dem Prinzip „erst wenn Sie vollkommen stabil sind“ erfolgen.

Sie sollte individuell geplant und fortlaufend angepasst werden.


Stabilisierung und Traumaverarbeitung sind keine Gegensätze

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse.

Stabilisierung und Verarbeitung müssen nicht zwei streng voneinander getrennte Therapieabschnitte sein.

In einer guten Traumatherapie können sich beide Prozesse immer wieder abwechseln.

Manchmal braucht es zunächst Sicherheit.

Dann kann eine Erinnerung bearbeitet werden.

Währenddessen zeigt sich vielleicht eine neue Schutzreaktion oder ein neuer Zusammenhang.

Dann braucht es wieder Orientierung und Regulation.

Anschließend kann weitergearbeitet werden.

Das klassische EMDR-Modell enthält genau deshalb nicht nur die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen, sondern einen gesamten achtphasigen Behandlungsprozess.


Was bedeutet das für Menschen mit komplexer PTBS?

Die wichtigste Botschaft lautet aus meiner Sicht:

Eine komplexe PTBS bedeutet nicht automatisch, dass traumatische Erinnerungen lange Zeit nicht bearbeitet werden dürfen. Sie bedeutet aber auch nicht, dass jede Person sofort für intensive Traumaverarbeitung bereit ist.

Moderne Traumatherapie versucht deshalb, zwei Fehler zu vermeiden.

Auf der einen Seite sollten Menschen nicht unnötig lange von wirksamer traumafokussierter Behandlung ferngehalten werden, nur weil ihre Vorgeschichte „zu komplex“ erscheint.

Auf der anderen Seite darf wissenschaftliche Evidenz für direkte traumafokussierte Behandlung nicht zu einem starren neuen Dogma werden.

Menschen unterscheiden sich.

Ihre Traumatisierungen unterscheiden sich.

Ihre Schutzmechanismen unterscheiden sich.

Und ihre Fähigkeit, gleichzeitig mit einer belastenden Erinnerung und mit der Sicherheit der Gegenwart verbunden zu bleiben, unterscheidet sich ebenfalls.

Das Ziel ist deshalb nicht maximale Konfrontation.

Das Ziel ist Verarbeitung.

Und dafür braucht es eine therapeutische Situation, in der ein Mensch dem Vergangenen ausreichend nahekommen kann, ohne den Kontakt zur Gegenwart zu verlieren.


Häufige Fragen zu EMDR und komplexer PTBS

Ist EMDR bei komplexer PTBS möglich? Ja. Neuere Forschung spricht dafür, dass EMDR auch bei komplexer PTBS eingesetzt werden kann. Eine komplexe Traumageschichte ist für sich genommen kein Ausschlusskriterium.

Muss ich vor EMDR monatelang stabilisiert werden? Nicht grundsätzlich. Eine vorbereitende Stabilisierungsphase kann sinnvoll oder notwendig sein, aber die aktuelle Evidenz unterstützt keine pauschale Regel, dass jede Person mit komplexer PTBS zunächst eine lange Stabilisierungsphase absolvieren muss.

Was passiert, wenn ich während EMDR dissoziiere? Dissoziative Reaktionen können die Verarbeitung erschweren und müssen therapeutisch berücksichtigt werden. Sie bedeuten jedoch nicht automatisch, dass traumafokussierte Therapie unmöglich ist.

Muss ich meinem Therapeuten jedes Detail meines Traumas erzählen? Nicht zwingend. Es existieren innerhalb von EMDR Vorgehensweisen, bei denen belastende Erinnerungen bearbeitet werden können, ohne dass sämtliche Details gegenüber dem Therapeuten ausgesprochen werden müssen. Das kann insbesondere bei stark schambesetzten Erfahrungen relevant sein.

Ist EMDR nur eine Technik mit Augenbewegungen? Nein. EMDR ist ein strukturiertes psychotherapeutisches Behandlungskonzept mit acht Phasen. Anamnese, Behandlungsplanung, Vorbereitung, Verarbeitung, Abschluss und Neubewertung gehören ebenso dazu wie die bilaterale beziehungsweise bifokale Stimulation.


Fazit

Die Frage „Muss ich erst stabil sein, bevor ich mein Trauma bearbeiten darf?“ lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten.

Die ältere traumatherapeutische Tradition hat aus guten Gründen großen Wert auf Stabilisierung gelegt. Neuere Forschung zeigt jedoch, dass eine obligatorische längere Stabilisierungsphase vor traumafokussierter Therapie bei komplexer PTBS nicht für alle Patient:innen notwendig ist.

Für mich folgt daraus keine Abkehr von Stabilisierung, sondern eine individuellere Haltung:

So viel Vorbereitung wie nötig, aber Traumaverarbeitung nicht länger aufschieben als therapeutisch sinnvoll.

Entscheidend sind eine sorgfältige Diagnostik und Fallkonzeption, eine tragfähige therapeutische Beziehung und die kontinuierliche Einschätzung, ob belastendes Material verarbeitet werden kann, ohne dass der Kontakt zur Sicherheit der Gegenwart verloren geht.

Denn Traumatherapie bedeutet nicht, einen Menschen möglichst intensiv mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren.

Sie soll dabei helfen, dass Vergangenes als Vergangenheit erlebt werden kann.


Literatur

De Jongh, A., & Hafkemeijer, L. C. S. (2024). Trauma-focused treatment of a client with Complex PTSD and comorbid pathology using EMDR therapy. Journal of Clinical Psychology, 80, 824–835.

Schubbe, O. (Hrsg.). (2016). Traumatherapie mit EMDR: Ein Handbuch für die Ausbildung. 5., überarbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht.

Spadoni, M., Arnaboldi, P., & Knipe, J. (2026). The EMDR Toolbox Method (ETM): Expanding Jim Knipe’s work and Enhancing the AIP Model. Manuskript, Journal of EMDR Practice and Research.

 
 
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