EMDR bei komplexem Trauma & Dissoziation | Philipp Lioznov Wien
Wenn ein Teil von mir heilen will und ein anderer auf die Bremse tritt
Manchmal erleben Menschen in der Psychotherapie einen scheinbaren Widerspruch:
„Ich möchte endlich über das sprechen, was passiert ist, aber sobald wir uns dem Thema nähern, mache ich innerlich zu.“
Oder:
„Ich weiß, dass ich heute sicher bin. Mein Körper reagiert aber, als wäre die Gefahr noch da.“
Andere können sehr genau über ihre Vergangenheit sprechen, spüren dabei jedoch kaum etwas. Manche verlieren plötzlich den Zugang zu einer Erinnerung, werden müde oder leer. Wieder andere beginnen zu grübeln, wechseln das Thema oder bekommen den starken Impuls, die Therapie abzubrechen.
Bei Menschen mit komplexen Traumatisierungen sind solche Reaktionen nicht ungewöhnlich.
Sie bedeuten nicht automatisch, dass jemand „noch nicht bereit“ für Traumatherapie ist. Und sie bedeuten erst recht nicht, dass eine Person sich bewusst gegen Veränderung wehrt.
Häufiger lohnt sich eine andere Frage:
Wovor versucht mich diese Reaktion zu schützen?
Diese Perspektive ist für meine Arbeit mit komplexen Traumafolgestörungen und EMDR zentral.
Denn nach lang andauernden traumatischen Erfahrungen besteht das Problem häufig nicht nur aus einzelnen belastenden Erinnerungen. Auch die Strategien, mit denen ein Mensch gelernt hat, diese Erfahrungen zu überleben, können später Teil seiner heutigen Schwierigkeiten werden.
Warum die Vergangenheit manchmal wie Gegenwart erlebt wird
EMDR – Eye Movement Desensitization and Reprocessing – basiert auf dem sogenannten Adaptive Information Processing Model (AIP).
Vereinfacht geht dieses Modell davon aus, dass belastende Erfahrungen unter bestimmten Bedingungen unzureichend verarbeitet und in einer Weise gespeichert werden können, durch die Teile der ursprünglichen Erfahrung später erneut aktiviert werden.
Ein gegenwärtiger Reiz kann dann etwas Altes anstoßen.
Das muss kein vollständiger Flashback sein.
Es kann ein Blick sein.
Ein bestimmter Tonfall.
Kritik durch den Partner.
Das Gefühl, ignoriert zu werden.
Jemand antwortet nicht auf eine Nachricht.
Der Chef bittet um ein Gespräch.
Plötzlich entsteht Angst, Scham oder Hilflosigkeit, die gemessen an der heutigen Situation ungewöhnlich intensiv erscheint.
Knipe bezeichnet dieses gegenwärtige Wiederauftauchen früherer Erfahrungen als „reliving“ – Wiedererleben. Dabei können Bilder, Emotionen, Gedanken und Körperempfindungen aus der ursprünglichen Situation in die Gegenwart hineinwirken.
Ein Teil des Menschen weiß beispielsweise:
„Mein Partner ist nicht mein Vater.“
Gleichzeitig reagiert etwas im Inneren auf seinen verärgerten Gesichtsausdruck mit:
„Ich bin in Gefahr.“
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Bei komplexem Trauma geht es häufig um mehr als eine Erinnerung
Bei einer einzelnen traumatischen Erfahrung lässt sich manchmal eine relativ klare Verbindung herstellen:
Ereignis → traumatische Erinnerung → heutiger Trigger → Symptom.
Bei komplexen Traumatisierungen ist die Situation häufig komplizierter.
Wer über Jahre in einer unberechenbaren, gewalttätigen oder emotional unsicheren Umgebung gelebt hat, musste sich an diese Umgebung anpassen.
Ein Kind kann nicht einfach sagen:
„Diese Beziehung tut mir nicht gut. Ich werde ausziehen.“
Es ist auf seine Bezugspersonen angewiesen.
Das Nervensystem muss deshalb andere Lösungen finden.
Nicht fühlen.
Immer aufmerksam sein.
Konflikte vermeiden.
Perfekt funktionieren.
Andere Menschen beruhigen.
Unsichtbar werden.
Die eigenen Bedürfnisse zurückstellen.
Sich innerlich entfernen.
Oder besonders stark und unabhängig werden.
Solche Strategien können unter den damaligen Bedingungen ausgesprochen sinnvoll gewesen sein.
Das Problem ist nicht, dass diese Reaktionen entstanden sind. Das Problem entsteht, wenn das Nervensystem sie auch dann einsetzen muss, wenn die ursprüngliche Gefahr längst vorbei ist.
Genau hier wird die Behandlung komplexer Traumatisierungen anspruchsvoller.
Dissoziation ist zunächst eine Schutzreaktion
Der Begriff Dissoziation wird inzwischen sehr häufig verwendet – und manchmal zu unspezifisch.
Nicht jede emotionale Distanz ist Dissoziation. Nicht jedes Abschweifen ist ein dissoziatives Symptom. Und nicht jede intensive Reaktion während einer Traumatherapie bedeutet, dass jemand „dissoziiert“.
Bei traumatisierten Menschen können dissoziative Prozesse allerdings eine wichtige Schutzfunktion übernommen haben.
Wenn Flucht äußerlich unmöglich war, konnte eine Form der inneren Distanzierung helfen, eine überwältigende Situation zu überstehen.
Das von uns verwendete klinische Material formuliert deshalb eine wichtige therapeutische Haltung: Dissoziation sollte nicht vorschnell als „Problem des Patienten“ behandelt werden. Sie kann als verständliche Überlebensreaktion auf extreme Belastung betrachtet werden.
Das verändert die therapeutische Frage.
Statt:
„Wie bekomme ich die Dissoziation weg?“
interessiert mich zunächst:
„Was geschieht gerade, sodass dieses Nervensystem Distanz braucht?“
Wie kann Dissoziation aussehen?
Sehr unterschiedlich.
Manche Menschen beschreiben:
„Ich fühle plötzlich gar nichts mehr.“
„Mein Körper gehört irgendwie nicht zu mir.“
„Alles fühlt sich weit weg an.“
„Ich weiß, dass es mir passiert ist, aber es fühlt sich nicht wie meine Erinnerung an.“
„Ich werde plötzlich extrem müde.“
„Mein Kopf ist einfach leer.“
„Ich kann über alles erzählen, aber ich spüre dabei nichts.“
„Ich sehe mich plötzlich wieder als Kind.“
„Ich weiß danach nicht mehr genau, was gerade passiert ist.“
Gerade deshalb reicht die Feststellung „Der Patient dissoziiert“ therapeutisch nicht aus.
Es muss genauer verstanden werden, was tatsächlich passiert.
Das zugrunde liegende Material weist beispielsweise darauf hin, dass hinter scheinbarer Dissoziation sehr unterschiedliche Prozesse stehen können: emotionaler oder körperlicher Shutdown, Flashback-Erleben, Vermeidung, Verlust des Zugangs zur Zielerinnerung, starke Überaktivierung oder ein Wechsel zwischen unterschiedlichen inneren Zuständen.
Diese Unterschiede sind therapeutisch relevant.
„Ich weiß, dass ich sicher bin, aber es fühlt sich nicht so an“
Dieser Satz beschreibt einen wichtigen Aspekt komplexer Traumafolgestörungen.
Menschen können zwei scheinbar widersprüchliche Perspektiven gleichzeitig in sich tragen.
Ein erwachsener Anteil weiß:
„Heute kann ich Nein sagen.“
Gleichzeitig entsteht:
„Wenn ich Nein sage, werde ich verlassen.“
Oder:
„Ich bin heute erwachsen und kann mich schützen.“
Und gleichzeitig:
„Ich bin vollkommen ausgeliefert.“
Oder:
„Mein Partner ist ein liebevoller Mensch.“
Und:
„Wenn ich ihm wirklich vertraue, wird er mich irgendwann verletzen.“
Solche inneren Widersprüche müssen nicht bedeuten, dass jemand irrational oder inkonsequent ist.
Sie können verständlicher werden, wenn wir berücksichtigen, dass unterschiedliche Erfahrungen unterschiedliche psychophysiologische Zustände aktivieren können.
Was sind „innere Anteile“?
Begriffe wie Anteile, parts, Ego States oder Selbstzustände werden in verschiedenen psychotherapeutischen Schulen unterschiedlich verwendet.
Das ist wichtig, weil der Begriff „Anteil“ schnell missverstanden werden kann.
Zu sagen:
„Ein Teil von mir möchte Nähe und ein anderer bekommt Angst davor“
bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch mehrere Persönlichkeiten besitzt.
Wir alle kennen unterschiedliche Zustände unseres Selbst.
Wir können kompetent im Beruf sein und uns im Streit mit den Eltern plötzlich erstaunlich klein fühlen.
Wir können uns morgens sicher sein, eine Beziehung beenden zu wollen, und am Abend panische Angst vor dem Alleinsein bekommen.
Wir können wissen, dass wir liebenswert sind – und uns nach einer Zurückweisung innerhalb weniger Sekunden vollkommen wertlos fühlen.
Ein aktueller theoretischer Weiterentwicklungsversuch innerhalb der EMDR-Literatur, die EMDR Toolbox Method (ETM), verwendet deshalb bewusst den übergeordneten Begriff „internal state“ – innerer Zustand. Gemeint ist eine relativ stabile Konstellation aus Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen, die in bestimmten Situationen aktiviert wird. Die Autoren ordnen solche Zustände auf einem Kontinuum von flexiblen, gegenwartsorientierten Zuständen bis zu stärker dissoziativ voneinander getrennten Zuständen ein.
Das ist klinisch eine interessante Perspektive.
Aber eine wissenschaftliche Einschränkung ist wichtig:
Dieses konkrete ETM-Modell ist bislang nicht durch klinische Wirksamkeitsstudien bestätigt.
Die Autor:innen schreiben ausdrücklich, dass bislang weder klinische Studien zur ETM noch empirische Belege für ihr spezifisches dreiteiliges Modell aus Wiedererleben, Dissoziation und Abwehr vorliegen.
Ich halte diese Unterscheidung für wesentlich: Ein Modell kann klinisch hilfreich sein, ohne dass seine theoretischen Annahmen bereits empirisch bewiesen sind.
Warum möchte ein Teil von mir das Trauma vermeiden?
Weil Vermeidung häufig einmal sinnvoll war.
Stellen wir uns ein Kind vor, das regelmäßig Gewalt erlebt.
Das Kind kann möglicherweise nicht fliehen.
Es kann den Täter nicht verändern.
Es kann vielleicht niemandem davon erzählen.
Was kann es tun?
Es kann versuchen, nicht daran zu denken.
Es kann besonders angepasst werden.
Es kann ständig beobachten, wie die Stimmung der Erwachsenen ist.
Es kann sich einreden, dass alles gar nicht so schlimm sei.
Es kann die Schuld bei sich suchen.
Es kann sich emotional zurückziehen.
Aus heutiger Sicht erscheinen manche dieser Reaktionen dysfunktional.
Aus der damaligen Perspektive können sie hochgradig funktional gewesen sein.
Deshalb spreche ich bei solchen Phänomenen lieber von Schutzstrategien als von „Widerstand“.
„Ich will darüber reden – aber irgendetwas in mir will es nicht“
Gerade in der Traumatherapie kann dieser Konflikt sichtbar werden.
Eine Patientin sagt beispielsweise:
„Ich möchte diese Erinnerung endlich bearbeiten.“
Doch sobald sie sich der Erinnerung nähert, wird sie plötzlich leer.
Oder sie beginnt über etwas anderes nachzudenken.
Oder sie sagt:
„Eigentlich war es gar nicht so schlimm.“
Oder:
„Vielleicht war alles meine Schuld.“
Oder:
„Ich kann das nicht.“
Oder sie spürt plötzlich einen starken Impuls, aufzustehen oder die Sitzung abzubrechen.
Das muss nicht bedeuten, dass die Therapie scheitert.
Es liefert zunächst Information.
Ein aktueller praxisorientierter Ansatz zur EMDR-Behandlung komplexer Traumatisierungen beschreibt solche blockierenden Überzeugungen beispielsweise als Überlebensstrategien, die gleichzeitig eine zentrale Aufgabe der EMDR-Verarbeitung erschweren können: eine belastende Erinnerung ausreichend zu aktivieren und gleichzeitig wahrzunehmen, was dabei im gegenwärtigen Körper und Erleben geschieht.
Typische Überzeugungen können sein:
„Ich darf keine Gefühle zeigen.“
„Ich muss funktionieren.“
„Ich halte das nicht aus.“
„Es ist gefährlich, etwas zu fühlen.“
„Ich verdiene es nicht, dass es mir besser geht.“
Diese Sätze sind dann nicht einfach „negative Gedanken“, die man durch positivere ersetzen sollte.
Sie haben eine Geschichte.
Warum ich Schutzmechanismen nicht bekämpfen möchte
Das ist für meine therapeutische Haltung besonders wichtig.
Wenn ein Mensch Jahrzehnte gebraucht hat, um ein hochwirksames System zur Vermeidung unerträglicher Gefühle aufzubauen, wäre es merkwürdig, wenn die Psychotherapie nun versuchen würde, dieses System mit Gewalt zu überwinden.
Der Schutz entstand aus einem Grund.
Deshalb interessiert mich:
Wovor schützt er?
Wann wurde er notwendig?
Ist die Gefahr heute noch vorhanden?
Was befürchtet dieser Teil, wenn wir die Erinnerung bearbeiten?
Was müsste heute anders sein, damit ein wenig mehr Annäherung möglich wird?
Der klinische Ansatz, auf den wir uns hier stützen, formuliert EMDR bei komplexem Trauma deshalb ausdrücklich als kollaborativen Prozess. Vor der Arbeit mit einer Erinnerung wird berücksichtigt, ob unterschiedliche innere Zustände beziehungsweise „parts“ diese Arbeit aktuell mittragen können. Wenn nicht, wird nicht automatisch stärker gedrängt, sondern untersucht, welches Erinnerungsgebiet gegenwärtig besser zugänglich und tolerierbar ist.
Für mich entspricht das einem zentralen Prinzip guter Traumatherapie:
Nicht gegen das Schutzsystem arbeiten, sondern gemeinsam mit ihm verstehen, was es noch schützen muss.
Warum „nichts fühlen“ ebenfalls wichtig ist
Manche Menschen kommen mit einer anderen Sorge:
„Ich kann über die schlimmsten Dinge meines Lebens erzählen und fühle dabei überhaupt nichts.“
Auch das ist eine wichtige Information.
Menschen mit langjährigen Traumatisierungen können gelernt haben, den Kontakt zu Körperempfindungen sehr stark zu reduzieren.
Das kann sich beispielsweise so anhören:
„Ich denke, dass ich traurig bin.“
Statt:
„Ich spüre Traurigkeit.“
Der Unterschied erscheint zunächst klein, ist therapeutisch aber interessant.
EMDR ist keine rein intellektuelle Bearbeitung autobiografischer Informationen. Während der Verarbeitung wird auch beobachtet, was emotional und körperlich geschieht.
Das von uns verwendete klinische Material beschreibt körperliche Distanzierung deshalb als mögliche traumabezogene Überlebensstrategie: Wenn körperliche Empfindungen früher überwältigend waren und keine hilfreiche Information für Sicherheit boten, konnte es sinnvoll sein, sie möglichst wenig wahrzunehmen.
Das Ziel wäre dann nicht, einen Menschen möglichst schnell dazu zu bringen, mehr zu fühlen.
Es geht zunächst darum, Körperempfindungen wieder in einer Dosierung wahrnehmen zu können, die tatsächlich tolerierbar ist.
Bei EMDR muss man nicht in die Erinnerung „hineinspringen“
Hier besteht ein weiteres häufiges Missverständnis.
Traumaverarbeitung bedeutet nicht, eine Erinnerung möglichst intensiv von Anfang bis Ende noch einmal durchleben zu müssen.
Gerade bei komplexen Traumatisierungen kann genau das kontraproduktiv sein.
Ein praxisorientiertes Modell beschreibt die EMDR-Verarbeitung stattdessen über drei zentrale Elemente:
tolerierbare Aktivierung – Wahrnehmen – bilaterale Stimulation.
Bei schweren Traumatisierungen wird empfohlen, belastendes Material eher in kleinen Portionen zu aktivieren und anschließend genau wahrzunehmen, was daraus entsteht, anstatt die gesamte Erinnerung Schritt für Schritt erneut zu durchlaufen.
Ich finde dieses Prinzip klinisch besonders wichtig.
Denn:
Mehr Aktivierung bedeutet nicht automatisch mehr Verarbeitung.
Was passiert, wenn es während EMDR zu viel wird?
Dann sollte nicht einfach weitergemacht werden.
Wenn eine Erinnerung wesentlich intensiver ist als erwartet, wenn eine Person den Kontakt zur Gegenwart verliert oder wenn keine produktive Veränderung mehr stattfindet, kann die Arbeit angepasst oder unterbrochen werden.
Das kann bedeuten:
die Intensität zu reduzieren,
stärker im gegenwärtigen Körper und Raum zu orientieren,
nur einen kleineren Ausschnitt einer Erinnerung zu bearbeiten,
ein anderes Target auszuwählen,
oder für diese Sitzung aus der Verarbeitung auszusteigen.
Das klinische Material formuliert dazu einen sehr hilfreichen Gedanken: Bei komplexem Trauma sollte in einem Erinnerungsbereich gearbeitet werden, der sich an der Schnittstelle von produktiv und tolerierbar befindet.
Das bedeutet nicht, dass EMDR angenehm sein muss.
Traumaverarbeitung kann emotional anstrengend sein.
Aber Überwältigung ist nicht das therapeutische Ziel.
Ist Dissoziation ein Zeichen, dass EMDR nicht funktioniert?
Nicht automatisch.
Das wäre eine zu einfache Schlussfolgerung.
Wenn jemand während der Verarbeitung den Kontakt zur Gegenwart verliert, muss zunächst verstanden werden, warum.
Eine Möglichkeit ist eine zu starke Aktivierung.
In diesem Fall kann die dissoziative Reaktion gerade der Versuch des Nervensystems sein, diese Überaktivierung zu reduzieren. Das zugrunde liegende klinische Modell argumentiert deshalb ausdrücklich, dass Dissoziation während EMDR nicht automatisch beweist, dass jemand grundsätzlich nicht mit EMDR behandelt werden kann. Entscheidend ist vielmehr, die Aktivierung so zu modulieren, dass gegenwärtiges Wahrnehmen wieder möglich wird.
Das passt zu einem wichtigen Prinzip:
Die Schutzreaktion ist nicht der Feind der Therapie. Sie zeigt uns möglicherweise, dass wir etwas an der Therapie verändern müssen.
Was bedeutet „im Hier und Jetzt bleiben“?
Für EMDR ist ein Konzept besonders wichtig: duale Aufmerksamkeit.
Eine traumatische Erinnerung muss einerseits ausreichend aktiviert sein.
Gleichzeitig muss ein Teil der Aufmerksamkeit in der Gegenwart bleiben.
Ich erinnere mich.
Und ich sitze hier.
Ich spüre Angst.
Und ich sehe den Raum.
Mein Körper erinnert sich an Gefahr.
Und ich bin heute erwachsen.
Diese Gleichzeitigkeit ist ein wesentlicher Unterschied zwischen therapeutischem Erinnern und erneutem Überwältigtwerden.
Bei komplexen Traumatisierungen kann genau diese Fähigkeit schwieriger sein.
Das aktuelle ETM-Modell unterscheidet deshalb therapeutisch unter anderem zwischen Gegenwartsorientierung, Wiedererleben, Abwehr und Dissoziation und versucht, Interventionen daran auszurichten, welcher dieser Prozesse gerade im Vordergrund steht.
Auch hier gilt jedoch: Das Modell ist klinisch interessant, aber seine spezifischen Annahmen sind bislang nicht durch kontrollierte Studien validiert.
Warum manchmal der Körper schneller reagiert als der Kopf
Viele Patient:innen erleben etwas, das zunächst irrational erscheint:
„Ich weiß doch, dass nichts passiert. Warum reagiert mein Körper trotzdem so?“
Gerade das ist bei Traumafolgestörungen nicht ungewöhnlich.
Eine gegenwärtige Situation kann Merkmale einer früheren Erfahrung enthalten, ohne dass sie objektiv dieselbe Gefahr darstellt.
Ein Gesichtsausdruck.
Hilflosigkeit.
Sexuelle Nähe.
Lautes Sprechen.
Schweigen.
Nicht erreichbar sein.
Kritik.
Das Gefühl, jemanden enttäuscht zu haben.
Der bewusste Verstand erkennt vielleicht:
„Das ist heute etwas anderes.“
Andere emotionale und körperliche Systeme reagieren jedoch auf Ähnlichkeiten mit früheren Erfahrungen.
Psychotherapie besteht deshalb nicht einfach darin, dem Menschen noch häufiger zu erklären, dass er heute sicher ist.
Er weiß es möglicherweise bereits.
Die interessante Frage ist:
Warum erreicht dieses Wissen die emotionale Reaktion in bestimmten Situationen noch nicht?
Innere Anteile bedeuten nicht, dass mit mir etwas nicht stimmt
Ich finde diese Botschaft besonders wichtig.
Wenn jemand sagt:
„Ein Teil von mir möchte Nähe und ein anderer möchte weglaufen“
ist das zunächst eine Beschreibung menschlicher Ambivalenz.
Nach komplexen Traumatisierungen können solche Zustände ausgeprägter, rigider oder stärker voneinander getrennt sein.
Das ETM ordnet diese Phänomene deshalb auf einem Kontinuum ein: von normalen, flexiblen inneren Zuständen über stärker fixierte Selbstzustände bis hin zu deutlich dissoziierten Persönlichkeitsanteilen.
Das ist wesentlich differenzierter als die Vorstellung:
„Wer von Anteilen spricht, hat eine dissoziative Identitätsstörung.“
Das stimmt nicht.
„Parts Work“ kann eine therapeutische Sprache sein, um widersprüchliche Erfahrungen verständlicher zu machen. Wie stark diese Zustände tatsächlich dissoziativ organisiert sind, muss individuell diagnostisch beurteilt werden.
Wie ich bei komplexem Trauma therapeutisch darauf schaue
Wenn jemand bei der Annäherung an eine Erinnerung plötzlich nichts mehr spürt, interessiert mich nicht nur:
„Wie bekommen wir wieder Zugang zur Erinnerung?“
Ich möchte verstehen:
Was ist gerade passiert?
War die Aktivierung zu hoch?
Ist die Person noch ausreichend im gegenwärtigen Raum orientiert?
Ist Scham aufgetaucht?
Besteht die Befürchtung, die Kontrolle zu verlieren?
Versucht die Person, alles intellektuell zu lösen?
Ist ein alter Satz aktiv wie „Ich darf keine Schwäche zeigen“?
Oder gibt es einen inneren Konflikt darüber, ob diese Erinnerung überhaupt bearbeitet werden darf?
Diese Unterscheidungen beeinflussen das weitere Vorgehen.
Das ist einer der Gründe, weshalb Fallkonzeption bei komplexer Traumatherapie wichtiger ist als die mechanische Anwendung einer Technik.
EMDR bei komplexem Trauma ist deshalb mehr als Augenbewegungen
Die sichtbaren Augenbewegungen sind wahrscheinlich der bekannteste Teil von EMDR.
Sie sind aber nicht das, was eine gute EMDR-Therapie ausmacht.
Eine qualifizierte Behandlung umfasst unter anderem Anamnese, Fallkonzeption, Vorbereitung, Targetauswahl, Einschätzung von Ressourcen und Schwierigkeiten, Verarbeitung, Abschluss und Neubewertung.
Bei komplexen Traumatisierungen kommen weitere Fragen hinzu:
Welche Schutzstrategien bestehen?
Wie viel Nähe zur Erinnerung ist aktuell möglich?
Wie gut kann die Person Veränderungen im Körper wahrnehmen?
Welche inneren Konflikte werden durch die Verarbeitung ausgelöst?
Bleibt ausreichend Gegenwartsorientierung erhalten?
Und was braucht dieses Nervensystem, damit Verarbeitung möglich wird?
Die neueren theoretischen Entwicklungen innerhalb von EMDR versuchen genau diese Komplexität stärker in die Fallkonzeption einzubeziehen. Gleichzeitig betonen ihre Autor:innen selbst, dass bei komplexem Trauma vorsichtig dosiert, Schritt für Schritt gearbeitet und die Intensität der Verarbeitung klinisch beurteilt werden muss.
Häufige Fragen zu EMDR, Dissoziation und inneren Anteilen
Kann man EMDR machen, wenn man dissoziiert?
Dissoziative Symptome schließen EMDR nicht automatisch aus. Entscheidend ist, welche Form der Dissoziation vorliegt, wodurch sie ausgelöst wird und ob während der Verarbeitung ausreichend Gegenwartsorientierung und Wahrnehmungsfähigkeit erhalten werden können.
Was passiert, wenn ich bei EMDR plötzlich nichts mehr fühle?
Das kann unterschiedliche Gründe haben. Bei manchen Menschen kann emotionale oder körperliche Distanzierung eine erlernte Schutzreaktion sein; bei anderen tritt sie vor allem bei zu hoher Aktivierung auf. Deshalb sollte zunächst verstanden werden, was konkret geschieht, statt automatisch die Intensität zu erhöhen.
Was sind innere Anteile?
„Anteile“ oder „Parts“ sind Begriffe verschiedener psychotherapeutischer Modelle für unterschiedliche innere Zustände oder Selbstperspektiven. Das Vorhandensein widersprüchlicher innerer Zustände bedeutet nicht automatisch eine dissoziative Identitätsstörung. Das aktuelle ETM-Modell schlägt dafür den breiteren Begriff „internal states“ vor.
Warum will ein Teil von mir nicht über das Trauma sprechen?
Vermeidung kann eine Schutzfunktion haben. Gerade nach frühen oder lang andauernden Traumatisierungen kann das Nichtfühlen, Nichtdenken oder Distanzieren früher geholfen haben, mit einer nicht veränderbaren Situation umzugehen. In der Therapie ist deshalb wichtig zu verstehen, wovor diese Reaktion schützt.
Muss ich bei EMDR das Trauma vollständig wiedererleben?
Nein. Gerade bei komplexem Trauma kann es sinnvoll sein, Erinnerungsmaterial dosiert zu aktivieren. Das verwendete klinische Modell betont tolerierbare Aktivierung und gegenwärtiges Wahrnehmen anstelle eines möglichst intensiven Durchlebens der gesamten Erinnerung.
Fazit: Nicht gegen den Schutz arbeiten
Komplexe Traumatisierungen hinterlassen nicht nur schmerzhafte Erinnerungen.
Sie können auch beeinflussen, wie ein Mensch gelernt hat, mit Angst, Nähe, Scham, Hilflosigkeit und dem eigenen Körper umzugehen.
Vermeidung, emotionale Distanzierung oder unterschiedliche innere Zustände können heute Probleme verursachen. Gleichzeitig können sie ursprünglich intelligente Anpassungen an Situationen gewesen sein, die kaum andere Möglichkeiten zugelassen haben.
Diese Perspektive verändert Traumatherapie.
Wenn ein Mensch innerlich auf die Bremse tritt, lautet die therapeutische Antwort nicht automatisch:
„Wir müssen stärker drücken.“
Manchmal müssen wir zunächst verstehen, warum die Bremse überhaupt da ist.
Das bedeutet für mich nicht, traumatische Erinnerungen dauerhaft zu vermeiden. Im Gegenteil: Ziel einer Traumatherapie ist letztlich, dass Vergangenes verarbeitet werden kann.
Aber Verarbeitung entsteht nicht dadurch, dass Schutzmechanismen überwältigt werden.
Sie wird wahrscheinlicher, wenn wir verstehen, was sie schützen, genügend Sicherheit in der Gegenwart herstellen und gemeinsam eine Intensität finden, bei der Veränderung möglich wird.
Vielleicht ist deshalb eine der hilfreichsten Fragen in der Traumatherapie nicht:
„Warum kann ich das nicht einfach loslassen?“
Sondern:
„Was in mir glaubt noch, dass es mich festhalten muss, um mich zu schützen?“
Literatur
Spadoni, M., Arnaboldi, P., & Knipe, J. (2026). The EMDR Toolbox Method (ETM): Expanding Jim Knipe’s work and Enhancing the AIP Model. Journal of EMDR Practice and Research. Das Modell erweitert Knipe insbesondere um eine systematische Fallkonzeption von Wiedererleben, Abwehr, Dissoziation und inneren Zuständen; die Autor:innen weisen zugleich ausdrücklich auf die derzeit noch fehlende empirische Validierung der ETM hin.
EMDR with Complex Trauma – Draft Review Copy. Praxisorientiertes Fachmanuskript zur EMDR-Behandlung komplex traumatisierter Patient:innen, insbesondere zu Dosierung, Wahrnehmung, somatischer Dissoziation, Schutzstrategien und Gegenwartsorientierung.



